Residenzschlossturmhoch schlugen sogleich die Wellen. Das Magazin Der Spiegel schrieb zu Wochenanfang, die ehrwürdigen sächsischen Museen und Bibliotheken, allen voran die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, könnten womöglich viele ihrer weltberühmt gewordenen Schätze verlieren. Das Haus Wettin, Erbfolger der sächsischen Kurfürsten und Könige, stellt – abermals – hohe Rückgabe- (oder Entschädigungs-) Ansprüche.

Schon tat sich vor unserem geistigen Auge ein Alptraum auf: Kunsttransporter vor Dresdens Museen, schließlich lückenhafte Bilderwände in der Galerie Alte Meister – Oh Gott, holen die womöglich Raffaels Sixtinische? Rubens’ Bacchus? Tintorettos Heilige Nacht? Und auch im Kupferstichkabinett oder im Schloss Moritzburg drohen womöglich leere Wände, Sockel und Vitrinen, vielleicht auch noch im Neuen Grünen Gewölbe, in der Rüstkammer und von alten Folianten leer geräumte Regale in Landes-, Staats- und Uni-Bibliotheken.

Schwarz auf Weiß stand nämlich geschrieben, es handele sich um mehr als 10000 Kunstgegenstände, auch Bücher und Handschriften. Anlass der musealen, kulturpolitischen Hiobsbotschaft: Kürzlich waren Verhandlungen der betroffenen Museen und Bibliotheken sowie des Freistaates mit Angehörigen des Adelsgeschlechts Wettin gescheitert. Selbige fordern ihr Eigentum in beachtlicher Größenordnung zurück und der kämpferische Anwalt des Adelshauses bemüht zäh sein veritables Drohpotenzial von der „Beutekunst“, die Dresdens Sammlungen sich seit Langem angemaßt hätten: Gerichte könnten demnach die Kunstschätze den Wettinern zusprechen, sollte kein gebührender Vergleich zwischen dem Freistaat und den Nachkommen von August dem Starken zustande kommen.

Postwendend reagieren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Sächsische Landesbibliothek, sowie die Universitätsbücherei mit einer ausgesprochen sachlichen, fast entspannten Stellungnahme, die der Berliner Zeitung seit gestern vorliegt.

Darin wird zunächst klargestellt, dass es sich bei besagten „10000 Kunstgegenständen“ zu 80 Prozent um Bücher und keinesfalls um Hauptwerke, etwa der Alten Meister, handelt. Die Sixtina also bleibt ganz gewiss auf ihrem schönen neuen Altarsockel. Zudem wird mitgeteilt, dass Staatliche Kunstsammlungen und Staats-und Universitätsbibliothek seit 2007 sämtliche Bestände, das heißt 1,5 Millionen Objekte, systematisch erforschen und die Provenienz überprüfen, dies exakt im Rahmen des „Daphne“-Projekts mit seiner speziellen Datenbank. Solche Recherchen brauchen Zeit – und doch wurden bislang Tausende Objekte restituiert, mit dem Hause Wettin sogar bevorzugt auf direktem Wege verhandelt, was das Prozedere zeitlich sehr abkürzte, denn es gehe, so die Staatlichen Museen, wegen fehlender Quellen keineswegs nur um „gesichertes Wettiner-Eigentum bis zum 8. Mai 1945“.

Den Erben nun geht es offensichtlich und in aller Ungeduld nur ums Geld: Erwartet werden abermals an die zehn Millionen Euro. Das hatte ja schon geklappt beim sogenannten Porzellan-Vergleich von 2011; er brachte dem Haus Wettin rund 4,2 Millionen – im Gegenzug stehen die wunderbaren Gebilde aus Meißens „Weißem Gold“ noch in ihren Vitrinen, gehören nun dem Land Sachsen und eigentlich müssten die Wettiner – und deren Anwälte – gleichsam im Geld schwimmen. Schon 1999 nämlich wurden sie vom Land für Verstaatlichungen nach 1945 entschädigt: Kunstwerke und Objekte im Wert von zwölf Millionen Euro wurden zurückgegeben. Vieles davon haben die Wettiner sogleich versteigern lassen.

Der Vergleich beließ die Objekte in den Museen. Dazu gab es Entschädigung für Grundstücke. Aber wie es scheint, sind die greisen Königskinder unendlich bedürftig.