Zuwuchernde Ballerina mit einer Kreation von Charlie Le Mindu. 
Foto: Jubal Battisti

BerlinEin zusammengeballter Klumpen sich monoton bewegender Menschenkörper und hypnotisch lauter Techno: Mit ihrem düsteren, wuchtigen „Half Life“ bescherte die israelische Choreografin Sharon Eyal dem Staatsballett in der vergangenen Spielzeit gleich zum Auftakt der neuen Intendanz von Sasha Waltz und Johannes Öhman einen Publikumsrenner.

Aber „Half Life“ war viel mehr als das. Es war der Beweis, dass sich in Berlin große Opernhäuser nicht nur mit klassischem Ballett füllen lassen. Es machte damit deutlich, was bis dahin bestritten wurde: Eine so große Compagnie wie das Staatsballett lässt sich sehr wohl auch mit radikal zeitgenössischem Tanz denken. Wohl vor allem deswegen wurde das neue Staatsballett diesen Sommer gleich für sein erstes Jahr von der Fachzeitschrift Tanz zur Compagnie des Jahres gekürt.

Hohe Erwartungen

Jetzt ist Sharon Eyal wieder da, mit „Strong“, ihrer ersten, für das Staatsballett entwickelten Choreografie. Schlicht „Ekman/Eyal“ ist der Abend betitelt, nach den beiden Choreografen. Neben Eyal zeigt auch der schwedische Choreograf Alexander Ekman ein neues Werk. Die Erwartungen sind hochgesteckt.

Ekman, der in Berlin schon bei einem Gastspiel des Nederlands Dans Theaters im Haus der Berliner Festspiele begeistern konnte, gibt an diesem Abend von der Länge her nicht viel mehr als ein Vorspiel. Allerdings ist seine Arbeit „LIB“ von der ersten Minute an zu einem echten Überraschungs-Coup. Was zu einem nicht geringen Teil seiner Zusammenarbeit mit dem Haarkünstler Charlie Le Mindu zu verdanken ist, der ein paar Jahre in Berliner Clubs wie dem Berghain und dem Rio Club Haare schnitt, bevor er mit seinen Haarkunstwerken für Lady Gaga oder Peaches international Furore machte. Aber mehr dazu später.

Sharon Eyals Stück „Strong“ lässt sich dann etwas mühsam an. Die Choreografin und ihr Ko-Choreograf Gai Behar haben in den vergangenen vierzehn Jahren ihre Formsprache immer weiter ausdifferenziert. Immer arbeiten sie mit Tänzern als einer Art biomorpher, sich monoton bewegender Masse, die zu den elektronischen Klängen des Technokomponisten von Ori Lichtik ein wenig wie ein neuronales Netz funktioniert. So war es in „Half Life“ und so ist es nun auch in „Strong“. Doch während man in „Half Life“ von Anfang an soghaft in einen düsteren Kreislauf von Macht, Gewalt und Unterdrückung hineingezogen wurde und einem die Tänzer mit ihren minimalistischen Bewegungen regelrecht wie Mutanten vorkamen, macht es Eyal einem mit „Strong“ nicht ganz so leicht.

Ihr neues Stück wirkt wie pure, abstrakte Form. Die Weise, wie sich die Tänzer zusammenballen und zu geometrischen Linien auseinanderziehen, wie Einzelne ausscheren und sich wieder einreihen, wie auf einmal alle frei ausschwärmen und sich dabei unaufhörlich Statisches und Dynamisches ineinander webt, das entfaltet erst nach und nach seine suggestive Wirkung. Wie eine Art selbstorganisiertes, ornamentales System wirkt die Tänzergruppe, die uns zu dem schleppenden, gestauten und doch auch treibenden Elektrosound von Lichtik etwas über Evolution zu erzählen scheint. Etwas über eine Synthese von Technik und Natur, die sich nicht in den einzelnen Körpern, wohl aber in der Organisation der Gruppe ereignet, in derem unaufhörlichen ornamentalen Transformationsprozess.

Insofern passen, bei aller Unterschiedlichkeit, die Arbeiten von Ekman und Eyal wunderbar zusammen. Denn auch bei Ekman durchlaufen vier Tänzerinnen und ein Tänzer einen evolutionären Prozess, der hier allerdings sehr anders und sehr eindeutig verläuft. Nämlich hin zu sehr, sehr viel Haar. Das konnte man schon am Anfang bewundern als ein Einzelner mit einem atemberaubend hohen Perückenturm auf dem Haupt über die Bühne wandelte, sich ab und an niederlegte. Wohl, weil sich die Last auf Kopf und Schultern gar nicht anders tragen lässt.

Befreite Ballerinen

Dann Auftritt der Ballerinen. Einzeln kommen und tanzen sie. Ksenia Ovsyanik zuerst, Polina Semionova zuletzt. Jede ihrer Bewegungen wirkt wie ein Bild, wie eine Ikonografie des Balletts. Die Spitzenschuhe scharf in den Boden gesetzt, Arme und Beine rasant durch die Luft geschnitten. Bis er kommt: Jonny Mcmillan, von Kopf bis Fuß in Haar gehüllt, wie eine Art Chewbacca, dem puscheligen Wookie aus George Lucas’ „Star Wars“.

Chewbacca gehört zu le Mindus Lieblingsfiguren. Und wow, es ist wahr, so wie le Mindu sie arrangiert, können Haare einfach großartig tanzen. Sie fliegen bei Drehungen, hüpfen, bilden Strudel und Zirkel. Sie haben einen Flow, von dem sich auch die Ballerinen anstecken lassen. Erst noch als Models, die mit großartigen Haar-Kreationen über die Bühne wandeln, wuchern auch sie nach und nach immer mehr zu.

Das alles zu Popmusik von John Lennon, Talking Heads und anderen. Das Kürzel „LIB“ meint dabei so etwas, wie „Befrei dich!“. Genau das tun die Ballerinen. Am Ende setzen sie sich an die Rampe, lassen die Beine baumeln, nehmen ihre puscheligen Haarköpfe ab und grinsen ins Publikum. Soviel steht fest, das Staatsballett hat mit diesem Abend einen neuen Renner im Programm.

Ekman/Eyal

12., 18., 19.12.; 19.30Uhr
Staatsoper Unter den Linden
Tel.: 206092630