Das sei „geradezu Champagner“, soll Sergej Prokofjew ausgerufen haben, als ihn seine Librettistin und spätere Frau Mira Mendelssohn mit der Komödie „The Duenna“ von 1775 bekannt gemacht hatte. Angeregt von den Verwechslungen und Liebesverwicklungen begann Prokofjew von einem Musiktheater im Geiste Mozarts und Rossinis zu träumen, von einer lebhaften Komödie voller lyrischer und charakteristischer Passagen.

An der Staatsoper Unter den Linden stand diese Champagnerflasche namens „Die Verlobung im Kloster“ zu lange offen und im Warmen, und das schon bei der Premiere am Sonnabend. Dmitri Tcherniakovs Inszenierung des Werks ist schal, es perlt nicht mehr allzu viel, Charakteristik scheint durch Parodie ersetzt und bleibt dennoch handzahm.

Opernkomponist Sergej Prokofjew: Eine unbekannte Größe

Nun fragte man sich schon bei der Ankündigung: Warum gerade dieses Stück als repräsentative Premiere der Staatsopern-Festtage? Der Opernkomponist Prokofjew ist hierzulande eine ziemlich unbekannte Größe; von der „Liebe zu den drei Orangen“ abgesehen kennt man Prokofjew in Deutschland als Komponist von Klavier- und Violinkonzerten, der 5. Symphonie und einiger Klaviersonaten.

Dabei ist das musikdramatische Werk eine Konstante seines Schaffens und entsprechend vielfältig: Neben Dostojewskis „Spieler“ steht der vor fünf Jahren an der Komischen Oper ausprobierte, dämonisch überspannte „Feurige Engel“, darauf folgt der Gozzi-Stoff der „Drei Orangen“; „Semjon Kotko“ (1939) handelt von der sowjetischen Revolution auf dem Lande; es folgt das gewaltige Epos „Krieg und Frieden“ nach Tolstoi.

Wenn die Handlung zum Vorwand für Musik wird

Die Verwechslungs-Komödie „Verlobung im Kloster“ von 1940/41 ist vielleicht Prokofjews harmloseste Oper. Ein Edelmann will ins Geschäft eines Fischhändlers einsteigen und verspricht ihm zur Bekräftigung seine Tochter als Frau. Die ist in einen armen Teufel verliebt; ihre Amme entwickelt einen Plan und tauscht mit ihr die Kleider, sodass die Tochter fliehen kann und die Amme den Fischhändler heiratet. Ins Kloster führt eine Nebenhandlung mit einem weiteren Liebespaar.

Wer Oper schon immer als Mogelpackung empfand, in der die Handlung zum Vorwand für Musik wird, hat hier ein Paradebeispiel vor sich. Tcherniakov als Regisseur verkauft uns die Personen als „Gemeinschaft anonymer Opern-Abhängiger“, deren Therapeut auf einem Flipchart als Heilung vorschlägt: „Wir erfinden eine Oper.“ Darunter finden sich die Rollen aufgelistet, die von den Mitgliedern der Selbsthilfegruppe übernommen werden. Alles findet bei einheitlicher Beleuchtung und Szene sowie ohne Auf- und Abtritte statt, die in einer Verwechslungskomödie unabdingbar sind – wie soll man verwechseln, wenn man jeder Verwandlung Zeuge wird?

Bei der Versuchsanordnung kommt kein Leben in die Bude

Erstaunlicherweise leidet die Komik einer der zentralen Verwechslungsszenen darunter nicht: Wenn nämlich der Fischhändler den Schleier über der ihm bis dahin unbekannten Braut hebt und statt der erwarteten jungen Tochter die alternde Amme vor sich sieht. Künstlich sind derartige Szenen immer gewesen, und mehr als das will Tcherniakov wohl auch nicht zeigen.

Schal wird die Produktion, weil mit dieser Versuchsanordnung kein Leben in die Bude kommt. Auch gelingt keine gegenseitige Befruchtung des eigentlichen Opern-Plots mit dem Selbsthilfegruppen-Plot. Im Grunde erzählt Tcherniakov den Opern-Plot, aber eben derart indirekt, dass man als Zuschauer auch auf die Idee kommt, den Sinn dieser Oper zu bezweifeln und sich zu fragen, warum man sich das eigentlich anschauen soll.

Die große Ausdrucksspanne von Sergej Prokofjews Musik wird greifbar

Immerhin lässt es sich oft gut anhören. Aida Garifullina als Tochter Luisa muss inszenierungsbedingt ihren jugendlich-jubelnden Sopran nicht groß modulieren, aber er klingt schön genug, dass man seiner nicht müde wird. Das gilt erst recht für die zugleich warme wie explosive Mezzostimme Anna Goryachovas in der elegischen Nebenrolle der Clara: Vor allem hier wird die große Ausdrucksspanne von Prokofjews Musik greifbar. In der schillernden Rolle der Amme glänzt Violeta Urmana mit hintergründigem und trockenem Humor.

Stephan Rügamer charakterisiert den Edelmann Don Jerome scharf mit hellem Tenor und großer Spielfreude, Goran Juric als Fischhändler Mendoza passt mit reich differenziertem Bariton bestens dazu. Die Liebhaber, Bogdan Volkov als Antonio und Andrey Zhilikhovsky als Ferdinand klingen zauberhaft, bleiben aber in ihren Spießerklamotten und ihrer regieseitig wenig ausgearbeiteten Bühnenpräsenz farblos.

Ausdruckskraft der Musik verliert an Witz und Tempo

Daniel Barenboim zeigt am Pult der Staatskapelle vor allem Gespür für die satten und gelegentlich originellen Orchesterfarben dieser Partitur, weniger für ihren Rhythmus und ihre geschärften melodischen Konturen. Auch auf diese Weise hört man viel von der differenzierten Ausdruckskraft dieser Musik. Doch sie verliert, so in die Fläche gebreitet, stark an Witz und Tempo.

Sucht man nach Erklärungen für die Langatmigkeit, wird man nicht nur den Regisseur, sondern auch den Dirigenten zur Verantwortung ziehen wollen. Die Begeisterung der anonymen Opern-Abhängigen im Publikum beim Schlussapplaus ließ sich indes davon nicht bremsen.