Die lettische Mezzosopranistin Elina Garanca.
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Berlin-MitteAm Sonnabend hat Elina Garanca noch die Titelheldin in „Samson et Dalila“ auf der Staatsopernbühne gesungen, am Montag sang sie dort die „Sea Pictures“ von Edward Elgar. Der Elgar-Bewunderer Daniel Barenboim, der die Mezzosopranistin am Sonnabend im Graben anleitete, war gewiss froh, endlich eine Sängerin für dieses wunderbare Werk an der Hand zu haben und baute ein Programm aus „wässrigem“ Staatskapell-Repertoire drumherum: Robert Schumanns „Rheinische“ Symphonie und Claude Debussys „La mer“. Ein bisschen albern ist das schon. Vielleicht suggeriert der zweite Satz eine Kahnfahrt, sonst ging es Schumann eher um rheinisches Leben auf dem Land, um weltliche und geistliche Feste.

Instinktive Führung

Barenboim dirigiert das Werk aus dem Instinkt – bemerkenswert die Blechbläser im vierten Satz; man hört sie selten so sauber. Interessanter ist die Gegenüberstellung jener nur wenige Jahre hintereinander entstandenen Werke von Elgar und Debussy. Elgars Gesangszyklus von 1899 scheint ebenso sehr dem 19. Jahrhundert verhaftet wie Debussys „Esquisses symphoniques“ (1905) dem 20. Aber in der orchestral breit gepinselten Interpretation von Barenboim und seiner Staatskapelle wird deutlich, wie viel Ballast symphonischen Dichtens Debussy in dieses Werk getragen hat.

Als Dirigent und Orchester das Werk zum Debussy-Jahr 2018 einstudiert hatten, gelang es ihnen meisterlich, den Verlauf aus der Verkettung kleinster Momente abzuleiten. In der Wiederaufnahme dagegen fuhr Barenboim dekorative Bühnenbilder auf, deren Effektentladung immer wieder von kompositorischen Widerhaken verhindert schien. Im Mittelsatz gelang Barenboim eine wesentlich dichtere Darstellung des verwirrend auseinanderstrebenden Klanggeflechts.

Das Werk umfasst ein breites Ausdrucksspektrum

So viel Romantik sich in Debussys „La mer“ einschleicht, so viel Modernität findet sich umgekehrt in Elgars „Sea Pictures“. Das Werk würde man gern zum Repertoirenachfolger des Mahlerschen „Lieds von der Erde“ wählen: Auch hier herrscht durch motivische Zusammenhänge ein symphonisches Fluidum, auch hier ist die Natur ein symbolistischer Spiegel des Seelenlebens, schließlich umfasst das Werk vom Rezitativischen, Liedhaften bis zum Hymnischen ein breites Ausdrucksspektrum.

Elina Garanca ist leider nicht die ideale Interpretin dieses Zyklus. Man merkt, dass das meiste unterhalb ihrer klangvollsten Lagen liegt. Sie singt das sauber, und dass Barenboim die Staatskapelle zu leisem Spiel anhält, entlockt ihr faszinierende, raschelnde, nebelhafte Farben. Aber er will es eigentlich anders, was man sofort bemerkt, wenn die Gesangslinie in mittlere und hohe Lagen gerät: Sofort lässt er die Staatskapelle aufdrehen. Dass die Garanca sehr am Notentext klebt, gibt ihrem Vortrag etwas Undeutliches, das den Klang zusätzlich dämpft.