Wenn aus der wüsten Baustelle Unter den Linden in ferner Zukunft wieder ein Opernhaus geworden sein sollte, wird es heißen: Die Staatsoper blickt zurück auf eine jahrhundertelange Tradition! Gebaut 1742 von Knobelsdorff! Das erste eigenständige Theatergebäude Europas! Der Glanz des alten Hauses wird heller ausfallen denn je, und die Zuschauer betreten es mit dem erhebenden Bewusstsein, dass das hier nun schon seit einem Vierteljahrtausend so geht mit den Opernvorstellungen.

Na ja, Opernvorstellungen. Das Prachtstück war ja nicht für Opern gebaut worden, sondern zum Feiern, Tanzen und Flanieren. Ballsaal reihte sich an Ballsaal. Nur die Logen hatten Sessel – dort zählte der Auftritt der prominenten Gäste so viel wie der einer Bühnendiva. Zu Opernaufführungen kam es vielleicht zehn oder zwölf Mal im Jahr.

Dazu wurde eigens der Parkettfußboden nach unten gefahren und bestuhlt, damit sich Sänger und Zuschauer nicht auf einer Höhe befanden. Wenn der König mit Gefolge dann geschaut hatte, begab sich alles zum Diner in den Apollosaal, während im Saal das Parkett wieder hochfuhr für den folgenden Ball. So war das früher – gar nicht so wie heute.

Solche Dinge vermittelt die kleine Ausstellung „Von der königlichen Hofoper zur Staatsoper“, aufgebaut auf der Empore der Marheineke-Markthalle. Sie ist eine Idee des Theater-Enthusiasten Klaus Wichmann, Chef des Vereins Initiative Theater-Museum. Wichmann ist überzeugt, dass Berlin wieder ein Theatermuseum braucht, wie es bis in die 1940er-Jahre schon existierte.

Mit der eher kleinen Ausstellung will er Lust auf mehr machen, dafür sorgen, dass sich Menschen für die Geschichte der Berliner Bühnen interessieren. „Wo sonst lässt sich etwa die Architektur-, Kultur- und Sozialgeschichte eines Volkes so gut ablesen wie an der Staatsoper? Als Hofoper gegründet hat sie später den Gegenentwurf einer bürgerlichen Oper provoziert. Das einstige Barockgebäude wurde derweil immer wieder zerstört und aufgebaut, im Königreich, im Dritten Reich und im Sozialismus – an dem Haus zeigt sich die Entwicklung einer ganzen Gesellschaft.“

Donner per Effektgerät

Zu sehen sind nachgebaute Barock-Bühnenbilder, frühe Plakate, Fotos, alte Karten über das Moor- und Sumpfland rings um die Oper, Schriftwechsel über Umbaupläne. Die ersten stammen von 1750, acht Jahre nach der Eröffnung des Hauses. Sie monierten etwa die „fehlerhafte“ Anordnung von Sitzen und Bühne.

Ausgestellt sind Effektgeräte, die einst Geräusche für knatternde Schießereien und grollenden Donner erzeugten. Bei ihrem Einsatz wackelte schon mal das Parkett, obwohl per Handkurbel bedient. Wir nähern uns der Jetzt-Zeit: Das schöne Modell des Opern-Neubaus von 1955 darf man sich einprägen: So wird die Oper später wieder aussehen. Wir bekommen also eine Oper in der Mischung aus Knobelsdorff, Langhans, Paulick und Bauverwaltung.

An dieser Stelle wechseln wir das Thema und kommen zu heutigen Opern-Dramen. Klaus Wichmann, 73, ist nämlich nicht nur ein Mann, den Geschichte fasziniert, sondern er kam auf die Geschichte, weil er sie für seine Gegenwart brauchte. Er hat ein halbes Jahrhundert an Theatern gearbeitet: im Renaissance-Theater, der Freien Volksbühne, am Theater des Westens, im ICC, zuletzt 15 Jahre als technischer Direktor der Staatsoper.

Weil die Staatsoper und ihren wässerigen Untergrund kaum einer besser kannte als Wichmann, sollte er 2007 Beauftragter für die Sanierung werden. Er hatte vom Senat das Wort, wurde dann aber doch in den Ruhestand geschickt. Das versetzte ihn in Unruhe. Erst recht, seit er erlebt, wie sich die Sanierung der Oper gestaltete.

Zur Erinnerung: Die Staatsoper sollte 2013 nach dreijähriger Umbauzeit fertig sein und gefällt sich heute darin, wie der Flughafen kein neues Eröffnungsdatum mehr bekanntzugeben. Infam verkauft sie das als neue Ehrlichkeit. Wichmann ärgert das. Wer mit ihm spricht, merkt schnell: Er weiß vieles besser.

Ihm konnte man nicht erzählen, dass der Banktresor in der Tiefe plötzlich und unerwartet auftauchte: „Den Tresor hätte man kennen können, es gab ja eine Bank mit Keller. Auch auf die tiefen Pfähle wäre gestoßen, wer einen Blick in alte Bauunterlagen geworfen hätte. Da ist alles dokumentiert: Die Baugrube von 1926/28 war 16 Meter tief, die alten Pfähle stampfte man einfach nach unten, statt sie auszugraben.“

Maulkorberlass der Bauverwaltung

Der Öffentlichkeit nun wird jedes Vorkommnis als Unvorhersehbarkeit präsentiert. Aber bei sorgfältiger Bauvorbereitung wären die allermeisten Hindernisse eben nicht mehr unvorhersehbar gewesen, so Wichmann. Den Irrsinn, mitten im sumpfigsten Baugrund einen gewaltigen Tunnel mit Montagehalle zu errichten, hatten der Technische Direktor und der Geschäftsführer der Staatsoper mit Blick auf die Kosten schon 2007 gekippt. Das waren Klaus Wichmann und Georg Vierthaler, heute Generaldirektor der Opern. Der Tunnel wurde aber doch gebaut. In ihm muss nun ein städtisches Wasserrohr überwunden werden. In der Tiefe wird also eine Art Aufzug installiert, der die großen Kulissen über das Rohr hebt und wieder senkt. Geht es noch wahnsinniger?

Wichmann will kein Besserwisser sein, er lobt mit Verve die Spitzenqualifikation der Bauleute vor Ort, alles Experten. Aber bis hin zum Architekten darf keiner reden, der Maulkorberlass der Bauverwaltung gilt für jeden. Muss die Politik mit roher Gewalt ihr Ansehen verspielen? Das Tunnelungetüm frisst alle Kassen leer. Die Baukosten kletterten bisher von 239 Millionen auf 296 Millionen Euro.

Für die Ausstellung gab es keinen öffentlichen Cent. Der Theaterverein trägt sich aus Spenden und rigider Selbstausbeutung, ebenso die Browse Gallery. Das ist der Kulturverein, der in der Marheineke-Halle regelmäßig Ausstellungen veranstaltet. Gemeinsam beaufsichtigen die kleinen Vereine nun täglich zwölf Stunden lang die Ausstellung, erlauben kostenlosen Zutritt. Spender sind dringend gesucht. An öffentliche Unterstützung glaubt keiner. Das Geld wird ja gebraucht, um in Tunneln Lastenaufzüge zu installieren.

Ausstellung in der Marheineke-Markthalle, bis 11.1.2014, Mo-Fr 8-20 Uhr, Sa 8-18 Uhr, Eintritt frei