Die Feuer- und Wasserprobe, der Initiationsritus des hohen Paars Tamino und Pamina, findet in einer Einbauküche statt. An der Staatsoper Unter den Linden ruft dieses Bild am Sonntag im Premierenpublikum erhebliche Unruhe hervor. Es scheint, dass die neue Inszenierung von Yuval Sharon hier in der Banalisierung etwas trifft: Die wahren Prüfungen für ein Paar bestehen im Kochen und Abwaschen.

Überrascht ist man von dieser Idee, weil die Produktion ansonsten ein absolut geist- und ideenloses Desaster ist, ein Dokument völligen Missverstehens, was Regie leisten soll. Ohne etwas unterstellen zu wollen: dass der vorgesehene Dirigent Franz Welser-Möst es plötzlich im Knie hatte und die vorgesehene Pamina Anna Prohaska eine Kehlkopfentzündung, wäre angesichts dieses Debakels nachzuvollziehen.

Die Produktivität des Marionetten- und Kinder-Konzepts darf bezweifelt werden 

Sharon nähert sich dem Stück aus der Perspektive seiner medialen Form. Schon die erfolgreiche „Zauberflöte“ der Komischen Oper ist lediglich wegen ihrer Vermischung von Spiel und Projektion interessant; man kann das rechtfertigen als heutige „Maschinenoper“ – als solche wurde 1791 die Uraufführung der „Zauberflöte“ angekündigt und gemeint waren neuartige Bühneneffekte.

Sharon begreift das Werk als Marionetten- und Kindertheater. Die Figuren schweben an neongelben Seilen ins Bühnenbild, müssen oft in der Luft hängend singen, aber auch am Boden immer ihre Fäden mit sich ziehen. Die Dialoge wurden vorab mit Kinderstimmen aufgenommen und erklingen vom Band; wie in der Komischen Oper wird der Darsteller fragmentiert, wenn er keine stimmliche Identität mehr besitzt und ihm die Bewegungen teilweise von den Seilen abgenommen werden. Der Verweis auf Kleists „Marionettentheater“-Essay fehlt nicht, überhaupt will Sharon keineswegs für naiv gehalten werden, deswegen muss er das Kindliche auch derart überziehen. Aber wenn es drei Stunden bei dieser einen Chiffre bleibt, die visuell nervtötend ist, weil sie die Interaktion der Darsteller behindert, dann darf die Produktivität des Marionetten- und Kinder-Konzepts bezweifelt werden.

Man glotzt hohl auf die Bühne der Staatsoper Unter den Linden

Sharon kann nicht inszenieren – nicht im Sinne mangelnder Begabung, sondern eines prinzipiell falschen Ansatzes. Das Programmheft verrät intensive Dramaturgen-Arbeit, in seinem bunt-dissonanten Materialreichtum erinnert es an Dieter Sturms Schaubühnen-Programmhefte. Allerdings arbeitet ein Regisseur anders als ein Literaturwissenschaftler, seine Aufgabe ist nicht die szenische Bebilderung einer Interpretation. Es gibt in der Kunst keinen Geist jenseits des Handwerks, und das besteht beim Regieführen aus dem Umgang mit Sprache beziehungsweise Gesang und Geste. Ein Pianist kann sich tiefsinnige Gedanken zu Chopin machen; kann er sie klanglich nicht vermitteln, muss er sich aufs Schreiben von Büchern verlegen. Was sich nicht in Laut und Geste umsetzen lässt, verpufft als visueller Gag, der sich nicht mit dem Text verbindet.

So auch hier: Die drei Damen erscheinen als siamesisches Geschöpf mit drei Köpfen und drei Brüsten an einem Körper, Papageno trägt eine Badekappe zum BSR-Orange seines Anzugs, Tamino und Pamina werden als Holzpuppen mit roten Stiefeln ausstaffiert. Man glotzt hohl auf die Bühne, mitzuempfinden gibt es nichts. Sarastro steht unbeweglich zwischen Säulen, die Hallen-Arie singt Kwangchul Youn mit Kostüm über dem Arm als Wunschkonzert-Nummer mit großer, auch unruhiger Tongebung vor dem Vorhang. Wiederholt der Chor seine weisen Sätze, öffnen und schließen stilisierte Dekoköpfe den Mund – Weisheit ist Blabla.

Das „Zauberflöten“-Libretto provoziert mit seinem Rassismus, seiner Frauenfeindlichkeit, seiner patriarchal-autoritären Weltanschauung emanzipatorische Reflexe. Es wie Sharon in die Tonne zu treten – zuweilen machen sich die lesenden Kinder über die Sprache lustig – und stattdessen Budenzauber zu veranstalten, bedeutet allerdings den Abbruch des Gesprächs. Nun wäre nur noch zu erörtern, warum derart wirre Ideen in Deutschland bis Wagners „Parsifal“ Karriere machen konnten, und dann das Stück für immer abzusetzen.

Der Staatsopernchor singt aus dem Graben und wirkt grob und unrund 

Sharon hat sich nur mit der Hülle des Werks befasst, nicht mit dem Text. Zuweilen geht von der Musik derselbe Eindruck aus. Alondra de la Parra hat mit wenig Opernerfahrung diese Premiere übernommen. Ambitionen sind vorhanden, die Staatskapelle klingt leicht, aber de la Parra hat mit der Koordination keine leichte Hand, folgt jedem Sängerschleppen und ist doch zu oft nicht mit ihnen zusammen. Trotz frisch angeschlagener Tempi hängt die Musik oft durch.

Unglückliche Besetzungen tun ihr übriges: Papageno wird von dem Schauspieler Florian Teichtmeister gegeben, der seine Gesangspartie in den Ensembles nicht draufhat und in den Dialogen vom szenischen Konzept am Spielen gehindert wird. Serena Sáenz Molinero aus dem Opernstudio hat die Pamina übernommen und bringt ein eher soubrettenhaftes als lyrisches Timbre mit, Julian Prégardien als Tamino erwirbt sich Sympathien mit leichter Höhe und liedhafter Tongebung – stilistisch liegt das hohe Paar damit insgesamt knapp daneben. Tuuli Takalas singt die Königin der Nacht mit eisiger Brillanz. Der Staatsopernchor singt aus dem Graben und wirkt grob und unrund.

Der Intendant der Staatsoper Matthias Schulz hat von vornherein angekündigt, dass die alte Everding-Inszenierung des Werks im Repertoire bleibt. Im April wird sie wieder gespielt. Sharons Produktion verdient nicht, den Sommer zu überleben.