Bei einer regierungskritischen Demonstration am 14. Juli in Beirut zündet ein Demonstrant Autoreifen an.
Foto: AP/Bilal Hussein

BerlinSeit dem Ausbruch der Corona-Krise hat sich unser Blick auf den Alltag verändert. Erstmals seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben auch wir Deutschen das Gefühl, im Hier und Jetzt etwas Historisches zu erleben. Plötzlich fühlt man die Kraft eines blind agierenden Weltgeistes, der in seiner Schicksalhaftigkeit selbst das wohl geordnete Europa in die Knie zwingt. Selbst Deutschland. Ja, auch Berlin.

Hat man da noch Zeit, an die Welt zu denken? Unruhen in Portland, ein Sicherheitsgesetz in Hongkong, Gefechte zwischen Aserbaidschan und Armenien – die Welt ist unruhiger geworden, nur schauen wir seltener hin. Besonders verstört hat mich jüngst eine Reportage aus dem fernen Beirut. Galt die Stadt nicht als arabisches New York? Als Hipster-Hochburg im Nahen Osten? Als Vorzeigebeispiel für einen modernen Islam? Was ich nicht mitbekam, war die Staatsschuldenkrise, die seit Monaten im Libanon wütet. Die Beiruter kämpfen ums nackte Überleben. Im Hier und Jetzt.

Zwei Männer sitzen während eines Stromausfalls in einem Geschäft für Ersatzteile in Beirut, das mit einer kleinen Glühbirne beleuchtet ist, die von einem nahe gelegenen privaten Generator versorgt wird. Die Stromausfälle dauern zum Teil bis zu 22 Stunden pro Tag an.
Foto: dpa/Marwan Naamani

Die Mittelklasse ist arm

Abends wird der Strom ausgestellt. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Menschen haben nichts mehr zu essen. Die Inflation steigt rapide und die Banken zahlen keine Kredite aus. Die Beiruter gehen auf die Straße, demonstrieren, liefern sich Kämpfe mit der Polizei. Der Alltag ist außer Kraft gesetzt – nur kriegen wir es nicht mit. Der Starkoch Antoine El Hajj, der fünfmal die Woche eine Kochshow im Fernsehen leitet, hat in einem Interview erzählt, dass er seine Rezepte jeden Tag neu anpassen muss, weil die Zutaten fehlen. Erst hat er Rindfleisch durch Schwein ersetzt. Jetzt konzentriert er sich auf Rezepte mit wenig Öl, wenig Ei und billigem Gemüse. „Es gab hier mal eine Mittelklasse im Libanon. Jetzt sind die Reichen noch reicher, die Mittelklasse ist arm und die Armen sind mittellos.“

Das eine sind Worte, Berichte, Reportagen. Das andere – Empathie. So richtig nachfühlen konnte ich die Not erst dann, als ich in eine Facebook-Gruppe eintrat, in der die Beiruter Anzeigen schalten, um Alltagsgegenstände in Nahrung und Hygieneartikel zu tauschen. Als ersten Eintrag sah ich einen Fernseher. Über dem Bild stand ein Text, den Facebook aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzte: „Tausche Fernseher gegen fünf Packungen Windeln.“ Ich scrollte durch die Gruppe und sah, wie die Beiruter Kleider, Schuhe, Elektrogeräte gegen Mehl, Äpfel, Babynahrung tauschen. Im Hier und Jetzt. Erst da spürte ich so richtig, wie gut es uns geht.