Der Komponist Wolfgang RIhm
Foto: Kai Bienert/Berliner Festspiele

BerlinWolfgang Rihm hat die gewaltigsten Formate mehrfach souverän gemeistert, von Oper über Oratorium und Passion bis zu riesigen Orchesterzyklen. Diesen Komponisten herauszufordern ist schon lange schwierig. Winrich Hopp, der Künstlerische Leiter des Musikfests Berlin, hat indes erzählt, dass Rihm den Auftrag, ein Duo für die Bratschistin Tabea Zimmermann und den Bariton Christian Gerhaher zu schreiben, annahm mit der Bemerkung, darüber müsse er nachdenken. Die Uraufführung des „Stabat mater“, das er schließlich für die beiden Musiker schrieb, beendete das diesjährige Musikfest am Mittwochnachmittag in der Philharmonie.

Der Programmzusammenhang bestätigt, dass es neben dem herausgeforderten auch den routinierten Rihm gibt. Die beiden Werke vor und nach der Uraufführung sind Rihms Technik der „Übermalung“ verpflichtet, in der vorliegende Stücke in neue Zusammenhänge übernommen werden. „Sphäre nach Studie“ spinnt einen Klang um ein Klavierstück, das zuvor sowohl als Solo-Werk wie auch als eine Art Konzert mit Bläsern und Schlagzeug vorlag. Hier sind es nun zwei Kontrabässe, Schlagzeuger und eine Harfe, die um den Klavierpart eine Art Klangschatten-Theater aufführen. Die kurzen Klavieraktionen werden mit Kontrabass-Tönen verlängert oder von Harfe und Schlagzeug angespitzt, es spielen Tamara Stefanovich und einige Berliner Philharmoniker, geleitet von Stanley Dodds. Man hat das oft gehört, die punktuellen Klänge erinnern an den Rihm des „Chiffre“-Zyklus, dessen Teile allerdings deutlich prägnanter formuliert waren.

In „Male über Male 2“ für Klarinette und Ensemble hat Rihm um den Klarinetten-Zyklus „Vier Male“ für seinen auch hier auftretenden Schüler Jörg Widmann eine sehr zurückhaltende Begleitung gewoben, die das musikalische Geschehen dennoch wirkungsvoll verräumlicht: Hier hat der Komponist in der viel geübten Technik etwas gefunden, indem er sich zurückhielt.

Ähnlich verhält es sich mit dem „Stabat mater“: Zwar schreckt Rihm nicht vor einer expressionistischen Gesangs-Gestaltung zurück, deren historische Stunde geschlagen scheint und deren Gesten, indem sie im Part der Bratsche weniger Halt als Widerstand finden, sehr kahl und einsam wirken. Und dennoch bezieht der Ausdruck Kraft aus seiner Projektion auf eine schwierige Besetzung. Bratsche und Bariton bewegen sich oft in gleicher Lage, sie schlagen einen Ton zunehmender Erregung an und realisieren ihn hochgradig unterschiedlich und bilden dennoch eine eigentümlich ineinander gewobene Textur, in die auch der mittelalterliche Text über Maria unter dem Kreuz ohne auffällige Hervorhebungen hineingeschlungen wird. Tabea Zimmermann und Christian Gerhaher realisierten die Uraufführung überaus sorgfältig und fanden sich zugleich in ihren schwierigen Partien mit spielerischer Leichtigkeit zurecht.