Urban Gardening auf dem Tempelhofer Feld, einem ehemaligen Flughafen in Berlin. 
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BerlinDer Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat einmal postuliert, jeder Stadtbewohner wisse, dass die Architektur, im Gegensatz zur Poesie, eine terroristische Kunst sei. Das mag überzeichnet sein, hat aber einen wahren Kern. Das Gebaute umgibt den Einzelnen ständig; Architektur ist unentrinnbar, sozialisiert seit jeher und bleibt dabei zumeist unbewusst.  

In jüngster Zeit allerdings lässt sich vielerorts doch ein Bewusstsein erkennen. Es äußert sich zumeist in einem situativen Zugang zum urbanen Surrounding: Nicht nur, dass diverse Bürgerproteste von Occupy bis zur Arabellion bevorzugt im städtischen Raum zelebriert werden. Auch die wachsende Individualisierung findet hier ein Forum, die gewandelten Interessen neu auszuhandeln.

Auf mannigfache Weise eignen sich bestimmte Gruppen den öffentlichen Raum an und verändern ihn, durch Flashmobs etwa, aber auch mittels Verabredung zum kollektiven Tangotanzen. Die Techno- und die Rapper-Szene, die Jünger von Le Parcours, Aktivisten von Reclaim the Streets, Skater und Party-People: Sie suchen sich ihre Räume und prägen sie mit ihren Codes. Über Jahrzehnte hinweg wurde, zumindest in Mitteleuropa, das urbane System professionalisiert und spezialisiert.

Isolierte Stadtplanung unvorteilhaft

Bevorzugt arbeitet man mit Plänen, die jeweils nur einzelne Aspekte – die des Verkehrs etwa, der Wirtschaftsentwicklung oder des Wohnens – isoliert behandeln und optimieren. Dieses Denken in Teilsystemen ist nun zwar durchaus im Sinne einer naturwissenschaftlichen Vorgehensweise. Aber es tendiert dazu, sich immer weiter auszudifferenzieren und zu verselbstständigen – und das große Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Kein Wunder, dass das Pendel nun in die andere Richtung schwingt. So heißt es etwa unter dem Stichwort Social Design, dass Entwurf bzw. Planung sich wandeln zu einem ko-kreativen Prozess. Nicht länger würden abgeschlossene Produkte abgeliefert, sondern ein Zyklus der Gebrauchswerte, die den wechselnden Bedürfnissen der Mitwirkenden angepasst würden.

Inspiriert wurde diese Ästhetik des „Non-Finito“ nicht zuletzt durch die Besetzung einer Bauruine, des Torre David in Caracas.   Offenkundig wird derzeit auf der städtischen Bühne das Verhältnis von individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung neu austariert. Dabei artikuliert sich ein alternatives Stadtplanungsverständnis: Statt die Entwicklung der Verwaltung und der Ökonomie allein zu überlassen, versuchen vielerlei Akteure, sich die Stadt anzueignen.

Urban Gardening besonders präsent

Eine Do-it-yourself-Mentalität tritt an die Stelle des bloßen Konsums von Stadtgesellschaft und Stadtraum. Selbst Architekten und Planer zeigen plötzlich Bereitschaft, einen Gutteil ihrer Aufmerksamkeit dem Unbeständigen und Unbestimmten in den Städten zu widmen. Mal bewundernd, mal verunsichert, zeigen sie auf die Lücken und Brüche, die eine spontane und informelle urbane Aneignung ermöglichen.

Dahinter steht mitunter affirmative Absicht: Denn angesichts von Krise und Geldknappheit wirkt es nötiger denn je, Planungen zu entwickeln, die sich von der „normalen“ Logik der Stadtentwicklung abwenden und die bisher üblichen stadtplanerischen Drehbücher zu Immobilien, Baukrediten, Arbeitskräften in Bauwesen und Wohnungsbau neu definieren. Unter dem Begriff „nomadisch grün“ bekommt die Bewegung des Urban Gardening in dieser Argumentation einen prominenten Platz zugewiesen.

Tatsächlich kann man ja die Prinzessinnengärten (Berlin) oder die AgroCité (Paris-Colombes) als Aufforderung zu einer neuen Lesart des Urbanen sehen. Und folgerichtig wird es von ihren Protagonisten als Entwurf eines ökologischen, langsamen und sozialverträglichen Lebens in der Großstadt verkauft. Voraussetzungslos ist das Urban Gardening nicht; der Boden wurde ihm bereitet von der Ökologiebewegung der 70er-Jahre.

Eigeninitiative führt zu Unüberschaubarkeit

Heute tritt die Bewegung der Brachenbesetzung und der spontanen Raumaneignung als eine ästhetische Vermittlungsstrategie auf. Sie hält, als Sehnsuchtsbild, den über sichtbare Produktion hergestellten Kontakt zu dem, wovon wir leben. Man könnte einwenden, dass der städtische Rasen mit den abgestuften Koniferenhecken einmal einen ähnlichen Effekt gehabt hat. Sei’s drum.

Unübersehbar aber wird die Produktion von urbanen Räumen heute durch flexible, dynamische Strategien beeinflusst, die weniger um die Planungen der Kommune kreisen, sondern sich in unübersichtlichen informellen Prozessen aus der Eigeninitiative von zivilgesellschaftlichen Akteuren heraus entwickeln. Diesen Prozessen ist inhärent, dass sie zunächst in einer Gegenposition zur offiziellen Stadtplanung stehen, in Leerräumen und Nischen operieren.

Mit dem partizipatorischen Reformprojekt Die Baupiloten ist etwa die Architektin Susanne Hofmann in Berlin angetreten, um spartanische Flure und genormte Pausenhöfe von Schulen und Kindergärten radikal neu zu denken. Ihr Geschäftsmodell ist so einfach wie erfolgreich: Mit dem gegebenen Etat für eine Umbaumaßnahme so zu haushalten, dass etwas übrig bleibt für unorthodoxe Verschönerungen.

Partizipatives Coworking bietet andere Form der Zusammenarbeit

Beispiele wie dieses sind insofern beredt, als sie veranschaulichen, dass Architektur weder ein bruchloses Anknüpfen an die Tradition ist noch das Ergebnis der Umstände ihrer Entstehung. Vielmehr offenbart sie sich als eine Praxis, die sich erst im Umgang mit Störungen erweist und bewährt. Gleichwohl ist längst nicht ausgemacht, dass das Provisorische eine zukunftsfähige Gestaltungsstrategie darstellt.

Freilich hält der aktuelle social turn auch Wege offen, die traditioneller, möglicherweise aber auch konsistenter erscheinen. Etwa das partizipative Coworking: Denn mit neuen Ideen für eine gemischte Stadt und der Frage, was Architektur alles sein könnte, ist oftmals eine andere Form von Zusammenarbeit zwischen Profis und Nutzern verbunden. Es entstehen Baugruppen, Genossenschaften und Netzwerke auf planerischer wie auf Bewohnerseite.

Prominente Beispiele dafür stellen das Projekt Spreefeld in Berlin (u.a. fatkoehl architekten) oder die Kalkbreite in Zürich (u.a. Müller Sigrist Architekten) dar. Urbanität ist, so hat es der renommierte Soziologe Hartmut Häussermann einmal betont, „nicht das Ergebnis bewusster planerischer Entscheidung, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, an der eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure, Interessen und Initiativen usw. beteiligt sind. In diesem vielschichtigen Prozess entsteht, wenn es gut geht, ein urbaner Ort.

Gestaltung soll Sorge um den Ort zeigen 

Planung behindert solche Prozesse eher, als dass sie diese befördert.“ Doch dieses Verdikt ist weniger vernichtend, als es klingt; durch den Kontext wird klar, dass keineswegs die Daseinsberechtigung von Planung in Zweifel gezogen wird. Will sie aber ihre Rolle als steuernde Instanz zurückerlangen, muss die Improvisation – die im Kleinen durchaus Sinn macht – durch ein stabiles Konstrukt gestützt und in eine ganzheitliche Strategie eingebettet werden.

Dabei kommt insbesondere der Frage, wie dabei immanente, bisher vielleicht kaum beachtete soziale und situative Qualitäten freigesetzt und für eine nachhaltige Konzeption der Stadt fruchtbar gemacht werden können, eine entscheidende Bedeutung zu. So wie alle kulturellen Vorstellungen zeitbedingt sind und damit immer auch Wandlungen unterliegen, so ist Architektur ein fait social: Der geplante Raum emanzipiert sich sukzessive von den architektonischen Absichten und beginnt ein Eigenleben – in der Aneignung durch andere.

Stadt braucht eine baulich-räumliche Verständlichkeit, die korreliert mit Erfahrungen, Nutzungen und Beziehungen im täglichen Leben. Das Wort Kultur stammt schließlich vom Lateinischen cultura: Sorge um etwas. Gestaltung ist nicht ästhetischer Selbstzweck, sondern Ausdruck des Umstandes, dass man sich kümmert.