Berlin - Berlin hat einen neuen Kulturstandort. Bis vor Kurzem wusste niemand davon. In der Senatsverwaltung hat man es überhaupt erst über die Presse erfahren. Dabei ist dieser Ort ziemlich groß und das Programm, das dort in nicht allzu ferner Zukunft stattfinden soll, gewaltig. Schlicht Kühlhaus nennt sich dieser neue Ort – als solches wurde der denkmalgeschützte Backsteinbau in der Luckenwalder Straße am Gleisdreieck bis 1978 auch genutzt. Danach stand er leer, bis vor einem Jahr der Produzent Jochen Hahn das baufällige Gebäude bei einer kleinen Vernissage entdeckte. Fünf Wochen später stand sein Konzept, und die Eigentümerin, die Unternehmensgruppe Argovent, war begeistert.

Nicht weniger als eine interdisziplinäre Plattform für den Dialog der Metropolen soll hier in sieben Stockwerken auf 6 000 Quadratmetern entstehen. Ein Schaufenster für Berlins siebzehn Partnerstädte, für Peking und Moskau, Buenos Aires und all die anderen. Großausstellungen sollen hier stattfinden, mit denen die Partnerstädte und andere Metropolen nicht nur ihre Kunstszene präsentieren, sondern dies im Verbund mit Theater, Tanz, Musik, Neuen Medien und Literatur. Eine Achse soll überdies gelegt werden, die auch in die andere Richtung funktioniert. Denn gerne möchten die Kühlhaus-Betreiber, Jochen Hahn und Cornelia Albrecht, auch Berliner Künstler im Ausland präsentieren.

Größenwahn

Das alles klingt ein bisschen größenwahnsinnig. Denn das Kühlhaus beruht auf einer rein privatwirtschaftlichen Initiative. Wie Folkert Uhde und Jochen Sandig vom Radialsystem hoffen auch Hahn und Albrecht, das Gebäude für Messen, Shows, Tagungen, Bankette und Feste gewinnträchtig vermieten zu können, sodass sie das notwendige „Spielgeld“ damit erwirtschaften. Uhde und Sandig waren aber bekannt in der Stadt, als sie vor fünf Jahren ihr Projekt starteten. Hahn und Albrecht sind es nicht, alte Hasen im Geschäft jedoch durchaus. Cornelia Albrecht war bis zum Tod von Pina Bausch Geschäftsführerin des Wuppertalers Tanztheaters. In den 80er-Jahren hat sie in München die Alabama-Halle mitbegründet und zwanzig Jahre dort das renommierte internationale Tanzfestival Dance geleitet. Aus Münchener Zeiten kennt sie auch Jochen Hahn.

Die beiden Kühlhaus-Geschäftsführer und Künstlerischen Leiter sind ein ziemlich ungleiches Paar. Sie fein, zart und differenziert; er eher opulent und laut tönend. 1994 hat Thomas Hahn in München gemeinsam mit seiner damaligen Frau die Reithalle gegründet. Eröffnet wurde mit Peter Steins Großinszenierung „Orestie“. Auch Peter Brook hat er produziert. Er geht jetzt auf die sechzig zu, wie Cornelia Albrecht. Beide wollen es noch einmal wissen, noch einmal ein richtig großes Ding starten. Mit Berlin haben sie sich die Stadt ausgesucht, in der man vielleicht größer siegen, aber auch schlimmer scheitern kann. „Der Schwerpunkt“, sagt Hahn, „wird schon wegen der Räume auf der bildenden Kunst liegen, und da müssen wir beide noch dazulernen.“ Aber dass ihr Konzept aufgehen wird, davon sind sie überzeugt.

„So etwas wie uns gibt es in Berlin noch nicht, in ganz Deutschland nicht!“

Das Radialsystem hat gerade einen Antrag auf eine jährliche Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro bei der Kulturverwaltung gestellt. Denn es lässt es sich eben nicht, wie zunächst angenommen, privatwirtschaftlich betreiben. Hahn und Albrecht gehen gar nicht davon aus, sich allein finanzieren zu können. Aber ihr Konzept ist ein anderes. Bei Städtepartnerschaften haben wirtschaftliche Interessen ein großes Gewicht, der kulturelle Austausch ist als „Begleitung“ auch von der Wirtschaft unbedingt erwünscht. „So etwas wie uns gibt es in Berlin noch nicht, in ganz Deutschland nicht!“, sagt Jochen Hahn.

Erstmal sitzen sie zu viert in einem kleinen Büro in einer Hinterhof-Remise. Hinter Hahns Schreibtisch steht ein Stuhl wie für einen Theatersonnenkönig. Morgen feiert das Kühlhaus mit „PolPositions“, einer Präsentation von polnischer Kunst, Tanz, Film und Musik eine Art Voreröffnung. Werke von 30 zeitgenössischen bildenden Künstlern zeigt die von Piotr Szmitke kuratierte Ausstellung „Recycling the Iron Curtain“. Preisgekrönte polnische Kurzfilme stehen auf dem Programm und ein von Royston Maldoom und Tamara McLorg erarbeitetes Tanzprojekt mit Jugendlichen aus Warschau und Berlin.

face to face: Tanzprojekt mit Jugendlichen aus Warschau und Berlin, 24. 11., 20 Uhr.

Recycling the Iron Curtain: 30 bildende Künstler aus Polen. Eröffn. 24. 11., 18 Uhr.