Zwei Jahre lang war Sabrina Janesch nicht in Danzig. Dann kehrt sie hierher zurück, fährt mit dem Taxi zum Hotel und staunt: „Die Stadt gibt es ja wirklich! Und sie sieht auch tatsächlich so aus, wie ich sie beschrieben habe, die Reste der Stadtmauer, der alte Gefängnisturm, die Marienkirche. Alles ist da und existiert nicht nur in meiner Phantasie“. In Danzig spielt Sabrina Janeschs Roman „Ambra“ und dieses Staunen vorige Woche nach ihrer Ankunft dort – nicht kokett oder gespielt, sondern spontan und ehrlich – das sagt schon einiges über die Autorin, über ihre furiosen bildhaften Phantasien, so rauschhaft, dass sie manchmal erst zurückfinden muss in die Wirklichkeit, wenn sie vom Schreibtisch aufsteht.

Den hatte sie monatelang nicht verlassen, als sie ihre Figuren durch Danzig schickte, hier wohnen, arbeiten, frieren, hungern, lieben, heiraten und verschwinden ließ, auf fast 400 Seiten einer deutsch-polnischen Familiensaga. Es ist der Roman einer reifen, ernsten, historisch detailgenauen Autorin, die wegen ihrer Sujets schon auf Vergleiche mit Thomas Mann und Günter Grass reagieren musste und einen klassisch-traditionellen Erzählstil pflegt.

Eine unübliche Pressearbeit

Aber Sabrina Janesch ist keine große alte Dame des Romans, sie ist 27. Mit acht schrieb sie ihre erste Geschichte, mit 20 gewann sie einen Literaturwettbewerb, mit 25 legte sie ihr Debüt „Katzenberge“ vor und nun eben ihr zweites Werk, mit 27. Das ist das Besondere. Dass sie nicht aus dem Vollen schöpfen kann, aus dem selbst Erlebten, sondern dass sie ihre Geschichten auf der Straße aufgespürt, sich einverleibt und lebendig macht. Beim Aufbau Verlag haben sie das Talent erkannt und gleich einen Vertrag über zwei Bücher geschlossen. Sie konnte den Stoff für das zweite schon en detail schildern, obwohl das erste noch nicht mal im Druck war. Das Debüt wurde ein Erfolg und wurde hoch gelobt. Zur zweiten Buch-Premiere nun lädt der Verlag erwartungsfroh nach Danzig ein, eine durchaus unübliche Pressearbeit. Hier aber bietet sie sich an und ist wohl als Investition in die Zukunft gedacht.

Und so spaziert nun eine kleine Gesellschaft aus Verlagsleuten, Journalisten, einem Fernsehteam und einer polnischen Stadtführerin durch die Straßen von Danzig und folgt bedächtig den Wegen ausgedachter Figuren, Sabrina Janesch, die Jüngste, immer voran. In dem schick gemachten historischen Zentrum mit seinen nach der Totalzerstörung wieder aufgebauten prächtigen Fassaden will sie sich nicht allzu lange aufhalten – zu voll, zu laut, zu geheimnislos das alles. Die erste Fassung des Romans, in der die Marienkirche eine Rolle spielte, hat sie verworfen. Die Bernsteingasse, Filmkulisse für die „Blechtrommel“ und die „Buddenbrooks“, durchquert sie gar nicht, weil die zwar neu aufgebaut, aber statt mit neuem Leben nur mit Bernsteinläden gefüllt wurde, im Winter gänzlich trostlos. Sabrina Janesch zieht es in die obere Vorstadt, zu dem Alten, Vergessenen, sich selbst Überlassenen, wo sie „mit Gebäuden ins Zwiegespräch treten“ konnte, als sie vor ein paar Jahren hier lebte, damals Stadtschreiberin in Danzig.

Und wirklich, man verlässt die überfüllte touristische City, durchquert einen scheußlichen Tunnel unter einer fetten Autostraße, und es öffnet sich eine andere Welt – dörflich, verlassen, verwahrlost, einen eigentümlichen Stillstand konservierend. Die Einschusslöcher aus dem letzten Krieg in den Gebäuden hat keiner je verputzt, im Gegenteil. Das Stadttor von 1626 ist so baufällig, dass es nun wohl bald abgerissen wird. Die Stadtführerin schweigt ergeben, hierher führt sie sonst keine Touristen. Hier spielt der Roman.

Spinne erzählt die Familiengeschichte

Vor einem Backsteinhaus schließlich baut sich die Autorin auf und weist dynamisch auf ein paar Fenster im dritten Stock: Da wohnt Kinga. – Oh. Warum nicht nebenan?, fragt ein Kollege. Nein nein, erwidert Sabrina Janesch bestimmt, da gibt es keinen Innenhof. Den brauchte ich doch, da war früher die Tischlerei. Es klingt fast, als hätten wir, die das Buch schon kennen, auch selbst darauf kommen können, dass es nicht anders sein kann. Sie hat ihre Bilder abrufbar.

Kinga also, in Deutschland aufgewachsene Deutschpolin wie die Autorin und fast im selben Alter, ist die Hauptperson des Romans. Nach dem Tod ihres Vaters erbt sie diese Wohnung, und reist mit einem Koffer in die Stadt am Meer, wie Danzig hier nur heißt. Dem polnischen Teil ihrer Familie behagt die Fremde zunächst nicht, schon gar nicht ihr Erbe, das die Polen als unverdient betrachten. Aber Kinga bleibt und die Annäherungen und Abenteuer nehmen ihren unheimlichen Lauf. Alles endet in einem wilden Zerwürfnis und zwei der Hauptfiguren verschwinden auf mysteriöse Art.

Das hat mit Kinga zu tun, die hier in der Fremde plötzlich seltsame seherische Fähigkeiten an sich entdeckt. Nur sehr allmählich kommt auch der Leser dahinter, dass diese mit dem zweiten Erbstück, einem dicken Bernstein und der dort eingeschlossenen Spinne zu tun haben. Diese Bernsteinspinne hat schon ihren Urgroßvater trübsinnig gemacht und tritt im Übrigen als Erzählerin der Familiengeschichte auf, die vor 150 Jahren einsetzt, einen anderen, märchenhaften Ton anschlägt. Nebenbei beleuchtet sie handfest und mit vielschichtigen Charakteren das kriegerische Ende des deutsch-polnischen Nebeneinanders.

Beim Lesen freilich deutet sich auch ein Problem dieses überaus schwungvollen, dichten, spannenden Romans an. Er spielt auf verschiedenen Ebenen, hat so viele kunstvoll ineinander geschichtete Handlungsstränge, selbst wechselnde Ich-Perspektiven, dass der Leser schon genau aufpassen muss, um orientiert zu bleiben und nicht aus dem Sog der Geschichte geworfen zu werden. Vielleicht will die Autorin auch ein Quäntchen zu viel – die große Saga, die große Historie, die großen Traumata und dazu die große Grundidee: Sehen.

Sabrina Janesch nennt es selbst Gedankenlesen, aber das trifft es nicht. Das wäre ja eine grundsätzlich asoziale, zerstörerische Fähigkeit. Kinga aber erkennt Geschichten aus der Vergangenheit, entziffert wesentliche Ereignisse und konfrontiert etwa ihren Cousin mit diversen Kriegstraumata, die er seit seinem Irak-Einsatz mit sich rumschleppt. Den Angriff einer handgroßen Spinne auf einen Skorpion und dann auf einen Soldaten, beschreibt sie so, dass dem Leser die Angst in den Nacken kriecht.

Mit „Ambra“ hat Sabrina Janesch Jahre verbracht, sie schrieb vier Fassungen, 2000 Seiten. Im Vergleich mit dem autobiografisch gefärbten Erstling könnte man sagen, die Arbeit merkt man dem Werk an. Sie dagegen ist gerade von der Komposition überzeugt, die sei das Aufwendige, „runtergeschrieben ist es schnell, wenn ich erst die Bilder im Kopf habe. Aber 200 Seiten wegzuwerfen und neu zu schreiben, das war schon hart.“ Ja, sie ist hart zu sich, eine unzimperliche, zielstrebige Arbeiterin. Morgens um acht sitzt sie am Tisch. In Schreibphasen versagt sie sich, freitags in Clubs zu gehen, weil sie sich die Arbeit am Sonnabend nicht versagen will. Alles macht sie gründlich. Sie studierte kreatives Schreiben, ein paar Semester Polonistik, ergänzendes Rüstzeug für ihre Schreibwut.

Ängste sind ein großes Thema

Sabrina Janesch ist eine unauffällige zierliche Frau, aber wenn sie liest, natürlich professionell, oder erzählt, dann geht ein Leuchten über ihre feinen Züge. Sie spricht in vollständigen druckreifen Sätzen, dazu ein akzentfreies Polnisch, und strahlt zu allem eine heitere Liebenswürdigkeit aus. Von dem Kamerateam lässt sie sich so geduldig rumschicken und ablichten, dass schon Mitgefühl aufkommen wollte.

Sie wirkt so unerhört fertig, so perfekt. Vor vier Monaten hat sie zu Hause in Münster eine Tochter zur Welt gebracht, da wartet sie mit dem Aufschreiben ihres dritten Buches noch. Aber im Kopf ist es fertig, es wird keine deutsch-polnische Geschichte, diesmal nicht. Himmel, sie kann alles. Kennt sie keine Schwächen, Versagensängste, Blockaden? „Doch, alles. Ängste sind ein großes Thema. Aber ich bin auch Meisterin im Überwinden. Manches ist ganz banal, ich hatte zum Beispiel Angst vor Wasser. Trotzdem bin ich heute passionierte Taucherin. Es ist viel Verachtung dabei, Verachtung der eigenen Schwäche. So geht es.“