Er erforschte die untergehende Stadt – der Soziologe Mike Davis ist tot

Mit seinen Büchern „City of Quartz“ und „Ökologie der Angst“ schrieb Mike Davis Klassiker der Stadtsoziologie. Nun ist er im Alter von 76 Jahren gestorben.

Mike Davis (1946–2022)
Mike Davis (1946–2022)CC BY-SA 4.0/archinect.com

Seine Faszination für urbane Räume war stets an deren Bedrohung und Auflösung geknüpft. In seiner berühmten Biografie über Los Angeles, „City of Quartz“, entfaltet Mike Davis eine Sozialgeschichte der Megalopolis von ihren Anfängen bis in die Gegenwart und entwirft sie zugleich als Dystopie für den urbanen Raum, eine in vielfacher Hinsicht fragile Zukunft. Die durch den Neoliberalismus forcierte Privatisierung öffentlicher Einrichtungen trifft auf wachsende Migration, Gewalt und Tribalisierung, Ausgrenzung und Sicherheitswahn. „City of Quartz“ handelt von den Aufständen der Marginalisierten und deren Abdriften in eine Drogenökonomie. Was der Film „Pretty Woman“ mit Julia Roberts und Richard Gere als modernes Märchen mit Ausstiegs- und Aufstiegsfantasien garniert hatte, holt Mike Davis zurück in die düstere stadtsoziologische Realität, allerdings in einer an die gängigen Popsounds anschlussfähigen Sprache.

Und so düster es in dem Los Angeles, wie Mike Davis es beschrieb, auch zugehen mochte, hatte er doch stets einen wachen Blick für die produktiven Kräfte, die in der zerstörerischen Ökonomie lauern. In einem kleinen Aufsatz über Kinshasa, 2006 in der taz erschienen, beschreibt er nicht nur, wie Kongo durch das Mobutu-Regime ausgeplündert wurde. Mit wohlwollender Neugier beobachtet er auch die Energien der Selbstorganisation und den Zauber des Sich-Durchwurschtelns. „Angesichts des Absterbens der offiziellen Stadt und ihrer Institutionen kämpften die Kinshasaer – vor allem Mütter und Großmütter – um ihr nacktes Überleben, indem sie ihre Stadt zum Dorf machten: Sie kehrten zur Subsistenzwirtschaft und den traditionellen Formen ländlicher Selbsthilfe zurück.“ Was hier noch nach der Entdeckung eines tapferen Notbehelfs unter den Bedingungen des sogenannten globalen Südens klingt, wird inzwischen unter dem Stichwort eines wirtschaftlichen Schrumpfens als zukunftsweisende Ökonomie nach dem Ende des Kapitalismus beschrieben.

Rund 150-mal untergegangen – Los Angeles

Für Mike Davis blieb jedoch immer Los Angeles der Referenzpunkt seines inspirierenden Schreibens. In „Ökologie der Angst“ gleicht er die realen Katastrophen seiner Stadt mit den fiktiven Untergangsszenarien ab. In Film und Literatur ist Los Angeles in den vergangenen 100 Jahren rund 150-mal untergegangen – pulverisiert durch verheerende Erdbeben, geschmolzen in Feuerbrünsten und auch sozial aufgelöst in Banden- und Bürgerkriegen. In den fiktiven Katastrophen erkannte Mike Davis die Ängste einer schrumpfenden weißen Oberschicht.

Mike Davis, 1946 in Fontana, Kalifornien, geboren, sah sich als Jugendlicher gezwungen, die Highschool zu unterbrechen und in einer Fleischfabrik zu arbeiten, um zum Unterhalt seiner Familie beizutragen. Einige seiner Aufsätze und Bücher gelten inzwischen als Klassiker der Stadtsoziologie. Am Montag ist Mike Davis im Alter von 76 Jahren gestorben.