Hinter der Fassade des Stadttheaters vereinigen sich zwei der ältesten Kulturformen der Welt: das Theater und das Publikum. Die Spielformen des Theaters sind so zahlreich und unvorhersehbar wie die jeweils von ihnen faszinierten, belehrten, unterhaltenen oder gelangweilten Zuschauer. Das Theater ist eine „Einmalerfindung“, die sich in ihrer langen Geschichte immer wieder neue ästhetische Formen gegeben hat. Das Publikum setzt sich je nach religiöser, künstlerischer oder politischer Funktion des Theaters immer wieder anders zusammen und wird durch die jeweilige Theateraufführung aus einer Ansammlung von Zuschauenden zu einem spezifischen Publikum.

Diente das Stadttheater von seinem Ursprung her der abendlichen Unterhaltung, die der bürgerlichen Selbstvergewisserung und Emanzipation aufhelfen sollte, so wird es mit der Erfindung des Regisseurs im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer Manufaktur, die sich ganz den Intentionen desselben zu fügen hat. Die Institution wird zum permanenten Gegner des Künstler-Regisseurs und ist doch zugleich seit den 1960er Jahren unter dem Label des Regietheaters der privilegierte Ort, um dessen Kämpfe auszutragen: Hier gibt es Werkstätten, die die Bühnenbilder bauen können, die man anschließend theatralisch wieder vernichten lässt; hier sind die Schauspieler engagiert, mit denen man sich acht Wochen auf der Probe herumärgern kann; und natürlich gibt es hier eine Theaterleitung, die von Auslastungszahlen viel und von Kunst gar nichts versteht. Und schließlich gibt es nur im Stadttheater ein Publikum, das man angreifen, verhöhnen, langweilen und maßregeln kann und das doch über viele Abende hinweg die Treue hält und die meisten Angriffe auf sein Bedürfnis nach Theater tapfer weglacht, wegschläft oder genießt.

Wie die Zukunft einer Institution aussieht, die sich von den Gesetzen des Marktes durch Subventionen weitestgehend befreit hat, die Bewertung ihrer Produkte einer geschmackvollen und kriterienlosen Theaterkritik überlässt und die Innovationen an den Berufsstand der Regisseure delegiert, ist fraglich.

Der Umbau des Stadttheaters scheint in den letzten zehn Jahren in eine neue Phase zu gehen. Bei dieser jüngsten Entwicklung könnte man meinen, dass die Struktur des Stadttheaters gegen die permanente Überforderung durch die Regisseure mit einer besonders raffinierten Strategie rebelliert. Die ständig wachsende Zahl an neuen, von einer Theaterleitung erfundenen Produktionen verkehrt die Druckverhältnisse, die bisher von den Forderungen der Regisseure auf die Institutionen ausgingen. Kürzere Probenzeiten, eine höhere Schlagzahl an abendlichen Aufführungen, kleinere Ensembles und weniger Geld für die Ausstattung stellen den Regisseur vor Anforderungen, die wieder an die Anfänge seines Berufs erinnern.

Der Regisseur wird zum Verantwortlichen, die knappen Ressourcen so geschickt einzusetzen, dass eine ansehnliche Aufführung entsteht. Die ästhetischen Folgen dieser neuen, beschleunigten Produktionsbedingungen sind überall zu beobachten: Der erste Einfall zählt, das direkte, meist moderierende Spiel mit dem Zuschauer verdrängt das realistische Schauspiel. Die Erarbeitung von Figuren wird übersprungen, da in der Kürze der Zeit nur Klischees möglich wären. Die Bühnenräume werden zu Einheitsbühnenbildern, alles andere wäre zu teuer und auch zu kompliziert. Theaterabende dauern nur noch selten länger als zwei Stunden.

Das Stadttheater stellt als Institution die Bedingungen für Krisen aller Art zur Verfügung. In der aktuellen Lage vereinigt es gleich drei große Krisen: Es steht unter einem ökonomischen Sparzwang, es beschäftigt Regisseure, die künstlerisch arbeiten, und sein Publikum verändert sich aufgrund gesellschaftlicher und medialer Umwälzungen. Die Antwort der letzten zehn Jahre hierauf war die Erhöhung der Produktionszahlen. Die Statistik des Deutschen Bühnenvereins verzeichnet eine Steigerung der Neuinszenierungen auf deutschen Bühnen von 3387 in der Spielzeit 1991/92 auf 5106 in der Spielzeit 2007/8. Die Intendanten denken, hiermit alle drei Probleme zugleich lösen zu können: Sie zeigen den Geldgebern, wie effektiv sie mit den Ressourcen zu wirtschaften verstehen, sie disziplinieren die Regisseure in ihrem ausufernden Drang der Kunstproduktion, und sie bieten dem Publikum immer wieder Neues und können so bei sinkender Akzeptanz für die einzelne Aufführung die Gesamtzahl der Zuschauer gleich halten.

Die Institution des Stadttheaters und ihre künstlerischen Formate haben in den unterschiedlichen historischen Situationen eine größere Wandlungsfähigkeit bewiesen als seine Kritiker ihm zugestanden haben. Auch diese letzten, fast schon verzweifelt zu nennenden Prüfungen seiner Leistungsfähigkeit hat es mit flexiblen Arbeitszeiten, permanenter Überforderung und gesteigertem Einsatz unter- oder gar nicht bezahlter Mitarbeiter bestanden.

Es wäre also denkbar, dass die nächste Innovation nach der Phase des Regietheaters und der Steigerung der Produktionszahlen nun aus einer anderen Richtung kommt. Die politischen Modelle, die hinter den aktuellen Strukturen stehen, die Monarchie des Regietheaters und der Kapitalismus mit seinem Wachstumsdiktat, sind zumindest theoretisch als gesellschaftliche Sackgassen erkannt. Was Partizipation, Demokratie und Vernetzung für Institutionen bedeuten, ist in drastischen und noch schwer erkennbaren Formen im Internet und seinen Kommunikationsformen zu beobachten. Theater als Darstellung menschlicher Handlungen und Kommunikation wird auf diese Veränderung ebenso reagieren wie es das in allen vorherigen Epochen getan hat.

Eine Abschaffung der Institution aus ökonomischen Gründen ist immer ein Angriff der Gegenwart auf die Zukunft, von der gilt: you cannot see, what you cannot see. Darum müssen die Institutionen jenseits der Probleme des Alltags durch die Zeiten getragen werden, um den möglichen, noch unsichtbaren Formen und Funktionen einer Zukunft zur Verfügung stehen zu können. Die Formung des Stadttheaters ist, oft zäh und langwierig, von den beiden in ihm vereinigten Gegensätzen von Theater und Publikum immer weiter betrieben worden. Diese Geschichte zu beenden, um eine neue, völlig freie Theaterwelt jenseits aller Institutionen zu erfinden, mag aus bestimmten politischen Gründen wünschenswert sein. Diese magischen Abkürzungen zum Theaterglück leugnen die komplexe Leistungsfähigkeit des Stadttheaters, das über die Schwankungen der jeweiligen künstlerischen Erfindungen hinaus eine vielfältige Kontinuität gewährleistet. Eine Abschaffung institutioneller Produktionsmittel ist zuerst einmal eine Einsparung öffentlicher Zuwendungen, deren Verknappung dann auf dem freien Markt der Fördermittel im Wettkampf der Künstler neu verteilt wird. Wird hier weiter eingespart, ist Gegenwehr mangels institutioneller Organisationen nur noch schwer zu organisieren. An dem viel gepriesenen Modell der niederländischen Förderung greift aktuell diese Mechanik einer letalen Einsparung.

Die Zerschlagung von Traditionen und Institutionen dient zuerst und immer dem Beschleunigungswillen des Kapitals und der Entsolidarisierung der um dieses Kapital kämpfenden Individuen. Die Kunst des Theaters muss in ihren abendlichen Aufführungen diese gesellschaftlichen Übel immer wieder neu sichtbar machen, und die Gesellschaft muss in ihren Stadttheatern die Fortdauer einer ständigen künstlerischen Provokation sicherstellen.