Unzählige Autos verstopfen die Straßen von Mexico City in dieser Nacht, doch die Menschen in den Fahrzeugen sieht man nicht. Es sind wohl ebenso Städtebewohner wie jene Männer in Trainingshosen und Latschen, bei denen der neue Dokumentarfilm von Thomas Heise dann Station macht. Für viele Monate, an einem streng gesicherten Ort, der allenfalls einen kleinen Bewegungsradius zulässt. „Städtebewohner“ erzählt vom Alltag in einem Gefängnis von Mexiko-Stadt, in der Comunidad „San Fernando“.

Zu Beginn kommt einer frei, der vier Jahre abgesessen hat – weswegen erfährt man nicht. Die Kamera bezeugt vielmehr das Procedere der Haftentlassung: all die Stationen, die der junge Mann zu absolvieren hat. Es ist ein stiller, freundlicher Abschied vom Eingeschlossensein, an dessen Ende sich der Blick auf den Nachthimmel richtet. Aber nur kurze Zeit, dann kehrt Heise zurück zu den Häftlingen. Er ließ sich mit ihnen einschließen und verbrachte viele Monate in der Comunidad „San Fernando“, um etwas zu begreifen. Was es letztlich war, fasst ein Gedicht von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1921 zusammen, das von einer jungen Frau zur ersten Szene von „Städtebewohner“ eingesprochen wird: In ihm geht es um das Verschwinden eines Mannes und darum, wie auch das Warten verschwindet und schließlich die Erinnerung daran.

Genau das ist die Wirklichkeit dieser mexikanischen Häftlinge. Thomas Heise betrachtet sie aus einer strikt gegenwärtigen Perspektive, ihre Körper, Gesichter, und er macht dabei das ungenutzte Leben, das in ihnen steckt, fast mit Händen greifbar. Die Männer sind oft sehr jung, etliche schon Väter. An den Besuchstagen kommen die Freundinnen mit den Kindern; die Armut sieht man ihnen an. Ein älterer Mann fasst für den Sohn oder Neffen zusammen, wie man am effektivsten mit einer Schusswaffe tötet. Dann schließen sich wieder die Tore hinter den Familien. Ein Gefangener rasiert dem anderen vorsichtig den Schädel. Einer wird nach 30 Jahren Haft entlassen – klar ist, dass er nicht wegen einer Bagatelle saß.

Die Zeit dehnt sich hier. Auch für die Gefängniswachen. Doch ebenso wenig wie um Psychologie oder Moral geht es in „Städtebewohner“ um den strukturell korrupten mexikanischen Staat. Heises Interesse gilt dem in Aufstellungen und Abläufen kollektivierten Einzelnen. Immer wieder rahmt er Häftlinge in Großaufnahme. Doch selbst wenn er einen von ihnen aus dem 4. Psalm rezitieren lässt, findet keine Überhöhung statt, denn „Städtebewohner“ bietet die genau austarierte Innenansicht einer Mikrogesellschaft zwischen Distanz und Nähe. Nicht zufällig entstand der Film unter Verwendung von Gedichten des Verfremdungseffektlers Brecht.

Immer wieder lässt Thomas Heise in seinen Regiearbeiten Menschen sichtbar werden, die man gemeinhin nicht wahrnehmen will und denen man deswegen das Recht abspricht, gehört zu werden, seien es nun Neonazis wie in „Stau – Jetzt geht’s los“ oder Straftäter wie hier in „Städtebewohner“. Was mit Einzelnen geschieht im Nichts zwischen den Ordnungssystemen – das untersucht Thomas Heise.

Städtebewohner: Filmpremiere am 26.11. um 20.30 Uhr in der Volksbühne (Großer Saal). Kartentel. 240 65 777.