Was der Regierende Bürgermeister Michael Müller mit seinem Überraschungsvorschlag, die Berliner Stadtgeschichte im Schlossnachbau zu installieren, sicherlich nicht auslösen wollte, war eine Debatte um das Schicksal der Berliner städtischen Sammlungen und Museen. Da er sich aber offenbar mit niemandem, der tiefere Kenntnisse der Berliner Museen hat, absprach, ist diese Debatte nun vor der Tür von Senat und Abgeordnetenhaus. Hat doch Müller ausdrücklich angekündigt, das Stadtmuseum und dessen oft hoch qualifizierte Mitarbeiter allenfalls „beratend“ zu seinem Projekt hinzuzuziehen.

Denn völlig unabhängig jetzt einmal, ob man die Idee Müllers als sinnvolle Ergänzung oder als provinzielle Belastung des Projekts Humboldt-Forum betrachtet: Um sie zu realisieren, muss er Zugriff nehmen auf die städtischen Sammlungen Berlins. Eine solche Ausstellung geht nicht, das haben viele vergleichbare Projekte gezeigt, ohne originale Gemälde, Skulpturen, Möbel, Puppen, Schmuck, Plakate, Automobile, Erinnerungsstücke, Fotografien, Akten oder Bücher. Schon gar nicht funktioniert eine solche Ausstellung, wenn gleich 4000 Quadratmeter bespielt werden sollen – mehr, als das von Müller und seiner SPD so innig verachtete Märkische Museum bietet.

Seitdem Nordrhein-Westfalen mit faktisch öffentlichen Geldern erworbene Kunstschätze verkauft hat, um eine Spielbank zu sanieren, ist die Hürde für politische Übergriffe auf Sammlungen und Museen niedrig geworden. Entsprechend klingen seit vergangener Woche die Alarmglocken in der Stiftung Stadtmuseum Berlin, in der Berlinischen Galerie, im Bröhan-, Brücke- und Kolbe-Museum sowie – es soll die Moderne ja besonders herausgestellt werden – im Bauhaus-Archiv. Überall fragen sich die Mitarbeiter derzeit: Welche Bestände könnten interessant sein für Müllers Projekt, Berlin als „Rom der Zeitgeschichte“ inszeniert zu sehen.

Denn das fantastische Portrait des selbstbewussten Juden, des AEG-Industriemanagers, kaiserlichen Kriegswirtschafts- und republikanischen Außenministers Walter Rathenau von Edvard Munch kann eben nur in einem Haus hängen. Berlins Theatergeschichte kann ohne die grandiose Sammlung des Stadtmuseums nicht gezeigt werden. Der Schreibtisch von Theodor Fontane steht seit Jahrzehnten im Märkischen Museum. Soll das nun alles ins Schloss? Was seine eigene Ironie in sich trüge, war doch Rathenau gegen jedes Dienern vor monarchischem Prunk.

Dass aus den Institutionen heraus bisher niemand öffentlich protestiert hat, ist kein Wunder. Erst einmal sind Museumsleute im Allgemeinen keine Kämpfer. Und derzeit suchen die von Müllers Plänen möglicherweise Betroffenen vor allem Deckung. Wer weiß schon, was die hohen Gewaltigen künftig von uns wollen, wenn sie so rücksichtlos mit der Arbeit, dem Investment von Lebenszeit und Intellekt ihrer „Zuwendungsempfänger“ umgehen wie jetzt mit Mitarbeitern der Zentral- und Landesbibliothek? Das Schicksal der Direktoren des Stadtmuseums seit dessen Gründung 1996 ist eben doch keine Verkettung ungünstiger Umstände, sondern hat System. Nie hielt die Politik ihre Versprechen, etwa, dem Stadtmuseum einen Ausgleich für den Verlust des heutigen Jüdischen Museums zu geben oder das Märkische Museum zu sanieren. Bis heute wurde die Direktionsstelle der im Aplomp zurückgetretenen Franziska Nentwig nicht neu ausgeschrieben.

Bürgerliches und proletarisches Berlin

Was vollkommen ignoriert wird: Wer heute ins Märkische Museum geht, sieht Ausstellungen, die aus einer Zeit stammen, als noch Gründungsdirektor Rainer Güntzer Hausherr war. Um 2000 also, damals, als Berlin und die Institution noch nach einer neuen Identität suchten und die Sanierung des Hauses monatlich in Reichweite erschien. Deswegen werden hier vor allem die Zeiten des bürgerlichen und proletarischen Berlin gefeiert, Mittelalter, Klassizismus und Romantik, die Schinkel, Humboldt und auch die Museumsgeschichte selbst. Das ist selbstverständlich total überholt. Aber für Überarbeitungen hat Berlin nie das Geld gegeben. Inzwischen ist der Personalbestand bis zur Betriebsunfähigkeit zusammen gespart, sogar Schloss Friedrichsfelde als Außenstandort aufgegeben und die einzigartigen Adelssammlungen ins Depot gepackt. Zwischen kostbaren Rokokotapeten stehen heute Bürotische der Zoo-Verwaltung. Ein Geniestreich der Berliner Kulturpolitik.

Und doch verliert Müller kein Wort in seinem „Konzept“ über die Zukunft des Stadtmuseums und seines Haupthauses, des Märkischen Museums. So, als wenn die größten regionalhistorischen Sammlungen Europas Marginalien wären. Als wenn sie nicht alles zeigen könnten, was gefordert wird, die internationale Verflechtung Berlins, Aufstieg zur Metropole und Zusammenbruch der Zivilität, heißer und Kalter Krieg. Wenn von den städtischen Sammlungen Berlins die Rede ist, leuchten international die Augen von Museumsleuten auf. Es war die Berliner Politik, die diese großen Möglichkeiten auf ein „Stadtmuseum“ reduzierte.

Aus der Misere vor allem des Stadtmuseum und der musealen Selbstvergewisserung Berlins führt kein sinnvoller Weg ins Schloss. Viel wichtiger ist: Der neue Direktor, die neue Direktorin muss schnell berufen werden. Er oder sie muss eine Kraft sein, die gegenüber dem Senat ihre Autonomie wahren kann, die die vielen seit Jahren im Stadtmuseum und darüber hinaus längst debattierten Ideen zusammenführen kann, wie sich die Geschichte und die Modernität, die Vielfalt und vor allem das städtische Selbstbewusstseins Berlins in den Ausstellungen spiegeln können. Eine Person, die die Mitarbeiter aus ihrer von der Berliner Politik verursachten Agonie reißt und dem Haus jene Verankerung in der Berliner Gesellschaft gibt, die einst das Märkische Museum und das Berlin-Museum hatten. Der zweite Weg ist eng damit verbunden: Statt im Schloss ein neues Fass aufzumachen, sollte Berlin endlich das Märkische Museum erweitern. Hier wäre eine Aufgabe für weltstädtische Architekten, nicht in der Dekoration der kastenförmigen Räume des Schlosses.