Es überrascht ein wenig, dass sich das X-Jazz-Festival so sicher und selbstverständlich etabliert hat. Es handelte sich mit seinem 14.000 Tickets um das am besten verkaufte Event seiner Art im Jahr 2017. Das ist schon wegen des breit angelegten Jazzbegriffs bemerkenswert, denn das X steht für die handgemachten Technobeats des Brandt Brauer Fricks ebenso wie für die in R&B-Nähe agierende Sängerin Nneka oder Lisa Bassenges Barjazz-Übertragung von Blues, Country und Folkrock.

Nicht zu vergessen der elektronische Clubjazz des britischen Ishmael Ensembles, das am Freitag und Sonnabend zu hören sein wird. Die vom Pianisten und Trompeter Sebastian Studnitzki 2014 erstmals organisierte Veranstaltung setzt einmal mehr auf einheimische Musiker und profitiert zudem von den kurzen Wegen zu den Spielorten zwischen Moritzplatz und Schlesischem Tor.

Hypnotische Kammermusik aus Jazz, Geräusch und nahöstlicher Harmonie

Am Mittwoch präsentierte sich in der Emmauskirche am Lausitzer Platz Between Buttons, das Label des Berliner Elektroklassik-Produzenten Hendrik Schwarz. Man hörte zunächst das syrische, in Berlin ansässige Ensemble des Oud-Spielers Khaled Kurbeh und des Keyboarders Rahman Khalaf. Mit Percussion und Bass gelingt ihnen eine hypnotische Kammermusik aus Jazz, Geräusch und nahöstlicher Harmonie.

Danach erlebte ich ein schönes Jazzkonzert im engeren Sinn mit Axiom, dem Quartett des Berliner Drummers Dejan Terzic. Sie spielten im beinahe intimen Dachgeschoss des Orania Hotels. Es befindet sich in einem Bau des Architekten Bruno Taut, dessen gesprungene Fenster zur Erdgeschossbar die Wunden der Kreuzberger Gentrifizierung zeigen. (Früher logierte darin ein Aldi-Discounter, der regelmäßig am 1. Mai geplündert wurde. Vielleicht wird die Filiale in der Markthalle Neun deswegen gerade zur Kiez-Institution geadelt.)

Vor dieser schönen Aussicht spielten Axiom einen melodischen Jazz, dessen Freiheit man eher unterschwellig bemerkt, wenn man etwa versucht, die Latin-Anmutungen des Pulses dingfest zu machen oder die Linien der Saxofon- und Klavier-Soli nachzuvollziehen.

Von Liebe, sozialer Kälte und der Angst Geflüchteter 

Zurück in der Kirche habe ich dann Hendrik Schwarz, der mit dem Alma Quartett spielte, leider auslassen müssen. Sie waren derart verspätet, dass ich mich bereits zu Kate Tempest aufgemacht hatte. Ihr Auftritt in dieser Jazz-Umgebung mag seltsam erscheinen. Mit ihrer Poesie aber bereichert sie jedes Genre. Ganz unerhört, wie sie, nur von einer Keyboarderin untermalt, den ausverkauften Saal in Bann zog, obwohl sie vor allem Stücke ihres neuen, noch unveröffentlichten Albums vorstellte.

Es wirkt leiser und weniger zutraulich als sein Vorgänger, oft mehr wie Soundscapes als Beats. Aber die Wärme und Hoffnung, die Eleganz und Wehmut, mit der sie von Liebe, sozialer Kälte, von Konsumwahn und der Angst Geflüchteter erzählt spannt weite, straffe Bögen, die Hip-Hop, Pop und Jazz mühelos transzendieren. Ihre Sprachmusik füllt aufs Wundervollste jene Offenheit, die das Festival mit seinem X vor dem Jazz markiert.

X-Jazz-Festival Konzerte bis Sonntag, 12. Mai. Programm unter: xjazz.net