Vor der Volksbühne stehen Kerzen. Rote Lichter wie sie auf Friedhöfen zu finden sind. Sie stehen am Fuß des großen Räuberrades. Seit 23 Jahren thront es auf dem kleinen Rasenstück: ein treuer Begleiter der gesamten Frank-Castorf-Epoche. Kerzen standen da noch nie.

Am 30. Juli, mitten im Theatersommer, ist Bert Neumann gestorben. Als Castorf 1992 die Volksbühne übernahm, gehörte er zur Gründungscrew. Er war die Volksbühne, er hat sie miterschaffen. Jetzt fehlt er. „Der Verlust greift tief ins Theater und uns“, hat Castorf nach seinem Tod gesagt.

Seit dieser Woche sind die Volksbühnen-Mitarbeiter aus den Ferien zurück, im Schock-Land Volksbühne. Die „Enttäuschung und Wut sind maßlos“, sagt Castorf. Er sagt es für das gesamte Haus. „Bert bleibt unvergessen, unsere Arbeit wird an ihn erinnern.“

Kommende Woche beginnt die Volksbühne in die neue Saison. Neumann hat sie noch mitgeplant, vor allem einen neuen Grundraum für das Große Haus erfunden, in dem sämtliche Vorstellungen stattfinden. Im Parkett wird es als Spielort ein hohes Haus geben. Die Sitzreihen werden dafür größtenteils ausgebaut, die Zuschauer auf wurstförmigen Säcken platziert.

Kulturkampf ist Geschichte

Solche Sacksitze gab es schon einmal, damals vor zwanzig Jahren, als Christoph Schlingensief „Rocky Dutschke“ schuf und Castorf seine „Nibelungen“ nächtelang zeigte. Herrlich rebellische Abende in der Erinnerung. Diesmal wird den Raum Castorf am 6. November mit seiner im Mai in Wien herausgekommenen Dostojewskij-Inszenierung „Brüder Karamasow“ eröffnen. Sechseinhalb Stunden Erschöpfungstheater mit Sophie Rois, Alexander Scheer, Kathrin Angerer. „Dostojewskijs Gestalten haben wenig anderes zu tun, als bis zum äußersten Maß sie selber zu sein“, schrieb Georg Steiner vor fünfzig Jahren. Castorfs Figuren haben nie anderes zu tun, als bis zum Äußersten zu gehen. Das war schon in seinen älteren Dostojewskij-Abenden so, allesamt in Bert-Neumann-Bühnenbildern.

Das Besondere diesmal: Der Boden des Grundraumes ist asphaltiert. Theater auf der Straße, das Draußen als Spielfläche drinnen. Der Teer-Boden wird bis zum Ende der Castorf-Ära im Sommer 2017 bleiben. Und es ist der Volksbühne zuzutrauen, dass sie das Haus geteert an den Nachfolger Chris Dercon übergibt, aber das ist noch nicht entschieden. Eine schön ambivalente Botschaft wäre es allemal: Die Vergangenheit wird versiegelt, das Alte zugleich zur Straße ins Neue.

Von Kulturkampf war in Sachen Volksbühne zuletzt viel die Rede von jenen, denen an Kulturkämpfen gelegen ist. Tim Renner, Berlins Kulturstaatssekretär, hat gegen Castorf und für Dercon votiert – das hat die Gemüter erregt. Wird die Volksbühne zur „Eventbude“, wie ausgerechnet Claus Peymann befürchtet, wenn ein Museumsmacher und Kurator (Dercon) einem Regiemacher und Hauspatron (Castorf) folgt? Braucht das Haus neue Impulse oder die Traditionspflege? Vielleicht beides? Das wären diskutable Fragen gewesen, aber Renner entschied sich, lieber fix Fakten zu schaffen. Jetzt ist die Volksbühne zum Gegenstand schlichter Gegenüberstellungen und hämischer Polemik geworden. Statt über Theater und seine Möglichkeiten wird über Macht und ihre Strategen gestritten.

Volksbühne bleibt unverwechselbar

Ist die Volksbühne überhaupt künstlerisch renovierungsbedürftig? Die kommende Saison verspricht jedenfalls Altbewährtes und Neugewagtes zugleich; die Volksbühne bleibt dabei unverwechselbar. René Pollesch wird im Dezember „Thespis“ herausbringen und also bezeichnenderweise den vorgeblichen Erfinder des antiken Dramas zum Thema machen.

Im Januar gibt es eine weitere Castorf-Inszenierung, im März eine Stückentwicklung von Christoph Marthaler, Arbeitsname „Halleluja“. Silvia Rieger darf wieder inszenieren (im März und zwar Shakespeares „Sommernachtstraum“), Gob Squad die Live-Video-Performance „War and Peace (Around a Kitchen Table)“ zeigen (im April), Herbert Fritsch seinen Abend unter dem vorläufigen Titel „Apokalypse“ (im Juni). Klingt alles wohlvertraut disparat. Chefdramaturg für die beiden letzten Castorf-Spielzeiten ist übrigens Carl Hegemann. Auch eine Heimkehr: Hegemann war in den berühmten ersten drei Castorf-Jahren (1992-95) und später eine prägende Strecke (1998-2006) am Haus.

Eingeleitet wird die Saison aber mit einem Kunstneuerfindungsversuch der seltensten Art: Heute öffnet der „Existenz Palast“. Er ist prall gefüllt mit Arbeiten über und aus dem näheren und weiteren Kreis der Wiener Aktionisten, von Günter Brus, Otto Muehl, Theo Altenberg. Mit Lesungen, Filmen, Performances und einer Malaktion („Van Gogh Revisited“, am 6. September) von Altenberg und Paul McCarthy.

Der US-amerikanische Künstler McCarthy wird ab 12. September auch die gemeinsam mit seinem Sohn Damon erfundene Installations-Welt „Rebel Dabble Babble Berlin“ zeigen, Theater im Kippelzustand zwischen Video und Live-Act, Bühne und Bildende Kunst. Ein Kunst-Werk, das sich allen Begriffen entzieht – und das gesamte Haus besetzen wird. Das läuft bis Ende September. Im Oktober wird die Volksbühne dann zur Baustelle. Der Asphalt kommt.