Der Schokoladenfabrikantensohn Janfilip Geldsack (Sebastian Grünewald) und die Stewardess Mariane Komenski (Sylvana Seddig).
Foto:  Imago/Martin Müller

BerlinWo ist denn alles hin? Wo ist der schwarze Sarkasmus? Der verzweifelte Humor? Die blutige Not? Wo ist das Rufen, das Kichern, das Weinen? 

An der Volksbühne hat Stefan Pucher Ronald M. Schernikaus „Legende“ auf die Bühne gebracht, das gerade vom Verbrecherverlag liebevoll herausgegebene Tausendseiten-Textkonvolut und Lebenswerk des 1991 mit 31 Jahren an Aids gestorbenen bekennenden Kommunisten und Homosexuellen Ronald M. Schernikau. Dreieinhalb trost- und seelenlose Stunden lang wird Text von der Rampe geschoben, mal mit mehr, mal mit weniger Talent zur Satire.

Musik gibt es auch, am Ende gar zwei gut gesungene Schlagerparodien. Und bevor endlich das Licht ausgeht, dürfen wir noch einmal in Schernikaus Gesicht blicken, da singt er zart angeschickert, im kleinen Schwarzen ein Friedenslied.

Mal abgesehen davon, dass es für das Theater irgendwie armselig ist, einem verstörenden, nervenden, aber vor allem eigenständigen literarischen Kunstwerk etwas Leben abzusaugen, statt ihm Gegenwart einzuhauchen − aber nicht einmal das klappt.

Brav stehen die Allegorien des Spätkapitalismus, der Sozialdemokratie, des Marktes, des Apparatkommunismus und der pseudogöttlichen Heilsbringer Kunst und Revolution einander im Weg und sagen in Retro-Kostümen und Vip-Lounge-Atmosphäre ordentlich Text auf, als ginge es darum, die Handlung einer Thesen-Soap-Opera aus den Achtzigern zu rekapitulieren.

Was übrig bleibt

Blöd ist, dass diese brave Fantasielosigkeit auf das Original zurückschlägt, das man gar nicht mehr in die Hand nehmen will. Kapitalismuskritik aus gemütlicheren Zeiten, wozu soll man sich das heute noch antun, da sich die Konflikte längst zugespitzt haben, und alles noch schneller noch schlimmer wurde, als es so ein furchtloser und radikaler Kopf wie der von Schernikau vorhersehen konnte?

Woher diese Furchtlosigkeit und Radikalität kamen, ist diesem Textbrocken zu entnehmen, in dem sich auch die seelischen Nöte einer mehrfach gebrochenen Biografie ausdrücken, in dem Blut pulsiert und in dem sich Vergangenheit in Details materialisiert, die man fast zu riechen und anfassen zu können glaubt.  

Ausgerechnet im Theater, wo Zeichen und Figuren konkret und lebendig sein müssten, bleibt nichts als weltabgewandte, tote und abstrakte Ironie übrig.

Legende 13., 20.12, 19.30 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Tel.: 24065777 oder volkdsbuehne.berlin