Als die ersten Rezensionen zu Takis Würgers Buch „Stella“ letzte Woche erschienen, hatte ich von dem Roman erst ein paar Seiten gelesen. Am 11. Januar sollte er laut Verlag erst in die Läden kommen.

Ging arglos an die Lektüre. Fand es eigentlich spannend, sich der strittigen historischen Figur der Stella Goldschlag, die Juden an die Gestapo auslieferte, in Form eines Liebesromans zu nähern. Aber an eine unbefangene Rezension ist nicht mehr zu denken, seit die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung mit selten erlebter Wut und Wucht auf den Roman losgehen. Dazu ein Urteil vorweg: So obszön („Nicht mal Stella hätte das verdient“) und selbstgefällig wie diese Verrisse ist der Roman in keinem Detail und nicht als Ganzes.

Denn vor allem geht es den Blättern hier wohl um das Lostreten einer Debatte und um die Klarstellung, wem die Deutungshoheit der Geschichte gebührt. Oder warum schreibt jemand einen Text, groß wie eine Seite der Berliner Zeitung, zu einem schmalen Bändchen, dessen stärkster Vorwurf nicht Geschichtsklitterung ist oder Verfälschung von Tatsachen, sondern bloß: Kitsch. Bei der Masse an Kitsch, die täglich unbeachtet auf dem Buchmarkt erscheint. Aber die bewegt sich eben nicht auf vermintem Terrain.

Die Eltern retten

Stella Goldschlag, 1922 als Tochter eines Komponisten und einer Sängerin in Berlin geboren, träumt davon, in Amerika Karriere zu machen. Sie ist jung, schön, blond, musikalisch und nicht religiös, will keinesfalls eine Jüdin sein. Doch Nazi-Deutschland gibt ihr keine Chance. Sie wird verhaftet, gefoltert, freigelassen mit der Zusage, Verstecke von Juden an die Gestapo zu verraten. Zunächst, um ihre Eltern vor Deportation zu schützen.

Doch trotz Kollaboration kann sie weder Ehemann noch Eltern vor dem Tod bewahren. Stella bleibt Greiferin – nun wohl, um ihr eigenes Leben zu retten. Sie bekommt eine Tochter, heiratet fünf Mal. Es sind ungezählte, in jedem Fall Hunderte Menschen, die sie denunziert. Nach dem Krieg verurteilt ein sowjetisches Militärtribunal die Verräterin zu zehn Jahren Haft. 1994 stürzt sie sich aus dem Fenster.

Stella Goldschlags Mitschüler Peter Wyden veröffentlicht 1992 eine Biografie, „Stella“, der Spiegel druckt Fortsetzungen davon. Zwei Berliner Musicals bringen den Stoff auf die Bühne. Trotzdem bleibt ihre Geschichte bis heute weitgehend unbekannt.

Die Geschichte eines Liebhabers

Doch dieser Lebenslauf wie ein Paukenschlag wirft schon beim ersten Zuhören mehr Fragen auf, als je jemand beantworten könnte. Takis Würger kann es auch nicht, er versucht es nicht einmal. Er nähert sich von quasi neutraler Seite und nur für eine Momentaufnahme. Seine Hauptfigur, der Ich-Erzähler Friedrich, ist ein treuherzig-naiver Zwanzigjähriger, Sohn einer Deutschen und eines Schweizer Tuchhändlers. Vermögend, ziellos, neugierig auf die verruchte Nazi-Hauptstadt steigt er, Anfang Januar 1942 vom Genfer See anreisend, im Grand Hotel am Brandenburger Tor ab und bleibt ein Jahr.

Will herausfinden, ob das Gerücht stimmt, dass Juden in Berlin nachts in Möbelwagen abgeholt werden. Er nimmt Zeichenunterricht, begegnet Stella als Akt-Modell, als Bar-Sängerin, auf Partys, in der Wohnung des SS-Mannes Tristan von Appen bei amerikanischem Jazz und französischem Roquefort, in seiner Hotel-Badewanne. Er verliebt sich. Ist in der Stadt, als Stella in Gestapo-Fänge gerät, ihre Identität preisgibt und ihre Greifer-Tätigkeit beginnt. Er denkt: „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten.“

„Festhalten! Jude!“

In einer historischen Situation, in der Deutschland gerade die Vernichtung von Millionen Menschen beschließt, sind es lapidare Sätze wie diese, die Literaturkritiker auf die Barrikaden bringen. Aber der Autor überlässt seine Liebesgeschichte nie ihrer unbestimmten Selbstvergessenheit. Er unterbricht die zwölf Monatskapitel mit Zeittafeln, montiert Aktennotizen in den Roman. Beides geeignet zum Erschaudern, bei aller Sachlichkeit und trotz der Vernehmersprache. Aus dem Berliner Landesarchiv stammen die Akten, in der Zeugen schildern, wie „die Beschuldigte“ die Untergetauchten aufspürte, sie in Fallen lockte, als Jüdin unter Juden der Gestapo überließ: in der Blindenwerkstatt, der Wohnung, bei der Arbeit, auf der Straße.

Rannte einer weg, rief sie: „Festhalten! Jude!“ Auch das weitere Schicksal der Denunzierten ist notiert, Auschwitz zumeist. Die Zeittafeln geben in Stichworten wieder, was in Alltag und Politik passierte. Wann die Wannseekonferenz die Tötung der Juden in Europa protokollierte, wann der erste Zug nach Auschwitz rollte, ab wann „Vierteljuden“ noch zur Schule gehen durften, „Halbjuden“ aber nicht mehr.

Groß war das Geschrei

Die Korrelation aus dem Auf und Ab der Liebesbeziehung, den politischen Umständen und den Folgen des Verrats erzeugt beim Lesen einen ganz beachtlichen Sog, den Daniel Kehlmann im Klappentext „mit Spannung und Erschrecken“ beschreibt. Die ganze Erzählung lässt nicht kalt, wobei man den kurzatmigen Stil, die abschweifende Genauigkeit überflüssiger Beobachtungen wahrlich nicht goutieren muss. Klar mag man sich wünschen, in einem Werk namens „Stella“ etwas mehr über die Frau zu erfahren statt über ihr geklautes Seidenkleid. Fühlte sie Schuld?

Wie viel Jagdinstinkt steckte in ihr? Aber wer weiß das schon, und ein Roman ist kein Wunschkonzert. Selbstverständlich aber ein Weg, „Unerzählbares“ zu erzählen. Groß war das Geschrei, als vor 40 Jahren die Serie „Holocaust“ ins deutsche Fernsehen kam, als „Hetzsendung“ diffamiert. Und dann vermittelte ausgerechnet eine amerikanische Seifenoper der deutschen Öffentlichkeit – auch der ostdeutschen – erst mal eine Ahnung vom Ausmaß des Leids und der Verbrechen.

Und heute soll es ein „richtiges Vergehen“ (Süddeutsche) sein, ein solches Buch auch als Beitrag zur Schoah-Erinnerung herauszubringen? Sehr rüde mutet auch an, den Spiegel-Autor Takis Würger, 33, vor zwei Jahren mit dem viel gelobten Debütroman „Der Club“ erfolgreich, in eine Reihe mit dem Ex-Spiegel-Autor Claas Relotius zu stellen – wegen der Ähnlichkeit des sprachlichen Kitsches (FAZ). Aber der eine hat Reportagen erfunden und eine Branche beschädigt, der andere einen Roman geschrieben. Inzwischen folgen übrigens auch positive Besprechungen, und der NDR wählte „Stella“ zu seinem Buch des Monats.

„Was denken Sie über das Buch? Ich beantworte jede Nachricht“, schreibt Takis Würger am Ende seines Buches und nennt seine E-Mail-Adresse. Sicher ein voreiliges Versprechen.

Takis Würger: Stella. Roman. Hanser, München 2019. 224 S., 22 Euro

Lesung: Mo, 11.2. Takis Würger liest aus "Stella", Pfefferberg-Theater, Kartentel.: 93 93 58 555