Warum nochmal hat man dem Stalinisten und Anti-Demokraten Ernst Thälmann ein Denkmal gebaut?
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BerlinDie Frau, die ich liebe, ist schwarz. Also: teilweise. Ihr brasilianischer Großvater war schwarz. Ihre brasilianische Mutter halb-schwarz, meine Ehefrau ist nun viertel- oder drittel-schwarz. Rechnen Sie es doch selbst aus!

Ist es überhaupt politisch korrekt, „schwarz“ zu sagen? Oder besser farbig? Oder „PoC“ für „Person of Color“? Ich habe meine Frau gefragt, sie sagt, sie wisse es nicht. Es sei ihr auch egal.

Eine Rassismus-Geschichte, die meine Frau erzählt, geht so: Als Kind zog ihr deutscher Opa, ein ehemaliger Wehrmachts-Offizier, regelmäßig an ihrer Nase. Die Nase meiner Frau fand er zu platt, weshalb er die „kleine Negernase“, so waren seine Worte, zu strecken versuchte. Durchaus mit Erfolg, wie meine Frau heute sagt.

Reiste meine Frau mal wieder zur Familie nach Brasilien, sprach ihr deutscher Opa von den „Hemdlosen“, die sie da unten nun besuchen würde. Man kann also sagen: Der Opa meiner Frau war ein astreiner Rassist. Gleichzeitig liebte er seine Negernasen-Enkelin aber sehr und sie ihn. Kamen die „Hemdlosen“ aus Brasilien zu Besuch, war er hocherfreut, ein herzlicher, großzügiger Gastgeber.

In den vergangenen Tagen musste ich oft an diese Geschichte denken, weil sie zeigt, was für ein ambivalentes Wesen der Mensch ist. Und wie die Zeit, in die wir hineingeboren werden, unsere Ansichten, unsere Moral, unsere Ideale prägt.

Als Kind war ich Thälmann-Pionier. Ernst Thälmann, Kommunist, Spitzname „Teddy“, fand ich mindestens so gut wie Jesus, denn ich ging ja auch zur Christenlehre. Es gibt im Prenzlauer Berg noch immer das riesige Denkmal für Ernst Thälmann, der eine ambivalente geschichtliche Figur ist. Ein Stalinist. Aber auch jemand, der sich den Nazis entgegenstellte. Sollte so jemand ein Denkmal haben?

Zurzeit werden weltweit gerade Denkmäler gestürzt. Quasi als: Anti-Rassismus- Kampf. In Bristol, England, warfen Demonstranten das Denkmal von Edward Colston in den Kanal. Colston war im 17. Jahrhundert ein Sklavenhändler. Gleichzeitig unterstützte er mit beachtlichen Geldsummen den Aufbau von Armen- und Krankenhäusern. In Virginia stürzten Demonstranten das Denkmal von Christoph Kolumbus. Der ein Kolonisator war. Und gleichzeitig ein großer Weltentdecker. In Hamburg wurde das Denkmal von Otto von Bismarck beschmiert. Bismarck war Mitbegründer des deutschen Kolonialreiches. Und ein Staatsmann, der das zersplitterte Deutschland vereinigte.

Alles sehr ambivalent, oder? Und was macht man jetzt mit dem riesigen Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz? Marx, einer der wichtigsten Philosophen, der seinen Schwiegersohn mit den Worten beschrieb: „Abkömmling eines Gorillas, Negrillo, unser Neger.“ Abreißen also?

Wahrscheinlich wird man kaum eine Persönlichkeit finden aus den vergangenen Jahrhunderten, die den moralischen Maßstäben im Jahre 2020 noch gerecht wird. Mutter Teresa? War gegen Abtreibung, also ein erzreaktionäres Miststück, auch wenn sie ihr Leben natürlich den Armen und Kranken widmete.

Ich glaube, die Denkmäler sind nicht das Problem. Sondern der moralische Hochmut, das ideologische Reinheitsgebot, mit dem wir jetzt über unsere Geschichte richten. Mit dem Wissensvorsprung von Hunderten Jahren, sieht die Vergangenheit immer aus wie eine Ansammlung von Trotteln und Barbaren.

Gehe ich heute am Thälmann-Denkmal vorbei, erinnere ich mich an meine eigene ambivalente Geschichte. Vom Halstuch-tragenden Teddy-Fan zum Demokratie-Fan. Es ist also ein echtes: Denk mal!

Kein Ort der reinen Huldigung, sondern des Hinterfragens, der Beschäftigung mit Geschichte. Wenn man es denkmalmäßig anders, moralisch unangreifbar haben will, gibt es künftig nur eine Lösung: Stellt Götter auf die Sockel. Aber keine Menschen.