Bella und Edward in der ersten „Twilight“-Verfilmung, gespielt von Kristen Stewart und Robert Pattinson.
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BerlinWann wird schon wirklich auf ein Buch gewartet? So dringlich, dass man den Erscheinungstag herbeisehnt? Bei den letzten beiden Bänden von Joanne K. Rowlings  „Harry Potter“-Reihe bildeten sich zum Veröffentlichungsdatum Schlangen vor den Buchhandlungen. Und auch bei den Fortsetzungen von Elena Ferrantes „Genialer Freundin“ soll ein ähnliches Fieber geherrscht haben. In dieser Liga der Beliebtheit spielt auch die US-Amerikanerin Stephenie Meyer.

Die vier Bücher von Meyers „Twilight“-Saga wurden seit dem Jahr 2005 in fast fünfzig Ländern etwa 160 Millionen Mal verkauft, mehr als 10 Millionen Exemplare allein auf Deutsch. Und jetzt kommt ein neues Buch. Am Dienstag, den 4. August erscheint „Biss zur Mitternachtssonne“ auf Deutsch zeitgleich mit dem englischen Original. Der Carlsen-Verlag in Hamburg bringt eine Startauflage von 120.000 Exemplaren in die Auslieferung, so viel wird sonst etwa von mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romanen abgesetzt.

Die Autorin Stephenie Meyer bei einer Filmpremiere.
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Zum Ereignis wird die Veröffentlichung auch durch eine gewisse Form der Geheimhaltung. Anders als sonst üblich, gab der Verlag vorab keine PDFs des Manuskriptes an die Medien. Er verschickte den 840-Seiten-Roman erst am vergangenen Freitag und nur direkt an Rezensenten, die sich verpflichteten, nichts auszuplaudern. Dieses Vorgehen ist allerdings schon wegen der Erfahrung der Autorin verständlich. Stephenie Meyer hatte mit dem fünften Band bereits im Jahr 2008 begonnen, doch dann kursierten Entwürfe des Manuskripts im Internet und sie brach die Arbeit ab.

Worum geht es? Eine Neue kommt an die Highschool in Forks im Nordwesten der USA. In dem verregneten Kaff ist Isabella Swan, die nur Bella genannt werden möchte, eine interessante Abwechslung. Die Mitschüler drängen sich danach, ihr behilflich zu sein. Nur einer, ein auffällig gutaussehender Junge, meidet sie oder wirft ihr böse Blicke zu. Er heißt Edward Cullen. Nach einer Woche, die er ihretwegen von der Schule fernbleibt, ist er wieder da und rettet sie sogar vor einem schweren Unfall. Bella ahnt von diesem Moment an, dass er ein Geheimnis hat.

Huch, die Handlung kennen Sie schon? Aus einem Buch? Aus einem Film mit Kristen Stewart und Robert Pattinson? Das Déjà-vu ist beabsichtigt. Stephenie Meyer erzählt in „Biss zur Mitternachtssonne“ noch einmal die von ihr erfundene Liebesgeschichte der Polizistentochter Bella und des „vegetarisch“ lebenden Vampirs Edward (er meidet Menschenblut und trinkt das von Tieren). Nahm sie beim ersten Band die Perspektive Bellas ein, ist es diesmal die Edwards.

Den Perspektivwechsel hat Meyer bereits erprobt. Im vierten Band schilderte sie die Komplikationen um die Geburt von Bellas Tochter nacheinander aus zwei verschiedenen Sichten. Während das seinen Reiz dadurch entfaltete, wie unterschiedlich die gefährdete Mutter und ein ihr zugewandter Freund das Ereignis erlebten, geht die Autorin mit dem neuen Buch ein großes Wagnis ein. Sämtliche Szenen, in denen die Erzählerin des ersten Bandes und des fünften gemeinsam anwesend waren, bedeuten eine Wiederholung für die Leser.

Die ohnehin recht langsam entwickelte Handlung gewinnt dadurch nicht unbedingt an Schwung. Dabei macht es Spaß, beide Fassungen nebeneinanderzulegen. Bella hört Edward im Bio-Raum vor dem Experimentieren fragen: „Ladies first?“, aus seiner Sicht setzt er noch das Wort „Partner“ fragend hinzu. Vor Jahren sagte sie über den neuen Mann ihrer Mutter, einen mittelmäßigen Baseballprofi: „Er spielt, wo er kann“, nun: „Er spielt mal hier und mal da.“ Womöglich liegt es an den Übersetzern. Der erste Band ist von Karsten Kredel ins Deutsche übertragen worden. Für das neueste Buch gibt es vier Übersetzer, vermutlich dem Termindruck geschuldet, um mit der Originalausgabe gleichzuziehen.

Einzelheiten, über die man anfangs hinweglas, fallen nun umso stärker auf. Zum Beispiel, dass die blasse Bella ständig errötet. Im ersten Band ärgert sie sich darüber, im fünften Band macht sie diese Hautreaktion für den Vampir besonders attraktiv. Er bemerkt also, dass „ihr das Blut in die Wangen“ schoss (S. 27), kann sich kaum abwenden, wenn er Bellas Gesicht „in dem köstlichsten Rotton, den ich je gesehen habe“ (S. 19) erblickt, registriert beglückt, wie ihre Wangen „wieder einmal rosig waren“ (S. 43). Auf Seite 126 überzieht „ein zartes, umwerfend verlockendes Rosa ihre Haut“ und auf Seite 127 konnte er „sehen, dass ihre Wange feuerrot war“. Zwei Seiten später ist sie dann „flammend rot, diesmal vor Zorn“. Auch sich selbst beobachtet er genau, allerdings kritisch. Allein auf einer Seite heißt es: „Ich war so sehr darauf konzentriert, ihr nichts zu tun, dass ich meine Gefühle nicht so gut im Griff hatte“, und zwanzig Zeilen später: „Ich hatte meine Gefühle schon wieder nicht im Griff.“

Stephenie Meyer bewirbt sich mit ihren Romanen nicht um den Pulitzer-Preis. Sie will ein großes Publikum unterhalten und wird dafür geliebt. Sie widmet es allen Leserinnen und Lesern, „die seit fünfzehn Jahren auf so wunderbare Weise zu meinem Leben gehören“.

Immerhin wird diese Neuerscheinung dem von der Corona-Krise gebeutelten Buchmarkt helfen. So bescherte auch Suzanne Collins vor wenigen Wochen mit ihrem neuen „Tribute von Panem“-Band dem Buchhandel einen großen Verkaufserfolg. Und Joanne K. Rowling kurbelte die Harry-Potter-Welle mit dem Theaterstück um „das verwunschene Kind“ 2016 noch einmal an. Die ersten Fans von Stephenie Meyers Vampir-Büchern sind längst erwachsen. Für Leser, die geboren wurden, als der letzte Band erschienen war, öffnet sich ein neues Fenster.

Stephenie Meyer: Biss zur Mitternachtssonne. Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister, Alexandra Rak, Annette von der Weppen und Henning Ahrens. Carlsen, Hamburg 2020. 848 S., 28 Euro