Erst zögerlich, dann immer selbstbewusster geht Kay Graham (Meryl Streep) die Treppe hinab, verfolgt von den bewundernden Blicken dutzender junger Frauen, Kriegsgegnerinnen wie Reporterinnen. Es ist der 30. Juni 1971, das Oberste Bundesgericht der USA hat in einer 6:3-Entscheidung die weitere Veröffentlichung der Pentagon-Papiere genehmigt, jene geheime Regierungsstudie, die minutiös zwei Jahrzehnte amerikanisches Engagement in Vietnam dokumentiert. Als Verlegerin der Washington Post ging es für Graham um alles: die Zeitung, die Wahrheit, ihre Zukunft als Firmeninhaberin. So ist der Gerichtsbeschluss auch Schlusspunkt einer Emanzipationsgeschichte.

Diese Szene fasst die Perspektive und den Tonfall von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ zusammen, einem Film voller starker Gesten und absichtsvoller Bilder. Der 71-jährige Filmemacher hat schon oft Geschichte nacherzählt, von „Die Farbe Lila“ (1985) über „Schindlers Liste“ (1993) und „München“ (2005) bis „Lincoln“ (2012), meist einfühlsam, oft sehr fesselnd. Für seinen neuen Film baut Spielberg abendfüllend aus, was historisch eigentlich nebensächlich ist: Die treibende Kraft der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere war eigentlich die New York Times, die Washington Post mühte sich lange, bei dieser Geschichte aufzuholen.

Die Zeitungsproduktion wird geradezu fetischistisch dargestellt

Daraus macht Spielberg einen durchaus reizvollen Erzählstrang in seinem Film und eine Huldigung längst vergangener Presse-Zeiten: Post-Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) muss lange zusehen, wie die konkurrierende Times peu à peu die ihr von Regierungsmitarbeiter Daniel Ellsberg zugespielten Dokumente veröffentlicht. So war das damals wohl in der Redaktion: Reges Treiben im großen Büro, hektische Telefonate, laute Diskussionen, wundervoll antiquierte Recherche-Methoden – Bradlee drückt einmal einem Azubi ein paar Dollar in die Hand, damit der sich in New York als Spion ins Times-Gebäude schmuggelt.

Und immer wieder sieht man in „Die Verlegerin“ auch die Zeitungsproduktion: Fetischistisch zeigt der Film, wie die Zeitung in Blei gesetzt wird und surrend-dröhnende Druckmaschinen die neueste Ausgabe ausspucken. Das hat nostalgischen Charme und belebt die spröde Geschichte ebenso wie die nicht immer eleganten Spannungsmomente.

Es reicht nicht für mehr als eine Fußnote

Doch im Kern interessiert sich Spielberg mit seinem Film, der quasi die Vorgeschichte zu Alan J. Pakulas überragendem Watergate-Film „Die Unbestechlichen“ ist, weniger für die Vergangenheit als für die Gegenwart. Journalisten, die konsequent, kritisch und investigativ Verfehlungen einer unehrlichen, rücksichtslosen Regierung aufdecken, das passt zu Trump genauso wie zu Nixon. Doch noch zeitgemäßer wirkt Spielbergs Protagonistin: Meryl Streep spielt die verwitwete Verlagsinhaberin Kay Graham lange als verunsicherte Außenseiterin.

Sie wird bedrängt von teils wohlmeinenden, meist arroganten Anzugträgern, die ihr in dunkel getäfelten, verrauchten Konferenzräumen ihre Zeitung und die Welt erklären, permanent Druck machen, man wolle ja natürlich nur ihr Bestes. Nur mühevoll beginnt Graham, ihrem Chefredakteur zu vertrauen, der seinerseits Zweifel hat. Denn Graham ist auch Teil der Washingtoner Elite und eng befreundet mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Robert McNamara (beeindruckend: Bruce Greenwood), der die nun veröffentlichte Studie ursprünglich in Auftrag gegeben hatte.

Dass und wie Kay Graham zu ihrer Rolle und ihrer Macht findet, zeigen Spielberg und Streep handwerklich geschickt, aber doch auch sehr gewollt. Der Heldin wider Willen, von unangenehmen Managern und einem idealistischen Zeitungsmann aus dem Leben als Society-Dame in das einer einflussreichen Verlegerin bugsiert, fehlen Ecken und Kanten, bei Spielberg sind Graham, Bradlee und ihre Journalisten bestenfalls spleenig, aber nie kompliziert. Zu freundlich ist Spielbergs Film und zu mutlos: Was einst ein Fanal für die Freiheit der Presse und für die Gleichberechtigung gewesen wäre, wirkt heute handzahm und gefällig. Aus einer Fußnote der Geschichte kann Spielberg hier nicht mehr machen als eine Fußnote des Kinos. Die starken Gesten wirken seltsam leer.

Die Verlegerin (The Post), USA 2017. Regie: Steven Spielberg, Drehbuch: Liz Hannah & Josh Singer, Kamera: Janusz Kaminski, Schnitt: Sarah Broshar & Michael Kahn, Musik: John Williams. Darsteller: Meryl Streep, Tom Hanks, Bruce Greenwood, Bob Odenkirk, Sarah Paulson, Bradley Whitford u.a.; Farbe, 117 Minuten. Frei ab 6 Jahren.