Die Leiche der Frau ist übel zugerichtet, der Einstieg in Steven Uhlys Roman „Finsternis“ schockierend. Der Berliner Polizist Abdi Malik erzählt seiner Therapeutin von diesem Einsatz, seinen Folgen für ihn und den Kollegen Jan West, dessen Welt- und Familienbild zusammenbricht, und schließlich von seinem eigenen Untergang. Die Leiche führt in die BDSM-Szene – bis vor Kurzem galt hier noch der geheimnisvoll schillernde Begriff Sadomaso, jetzt begnügt man sich mit langweiligen vier Buchstaben – und weiter sehr, sehr tief hinein in Welten der Verknüpfung von Abhängigkeit und Lust und schließlich bis an den Rand, wo Fragen von Loyalität und Autorität gestellt und aufreizend beantwortet werden.

Der Satz „Ich bin als glücklicher Mensch gestorben“ führt hier in eine gnadenlos mahlende moralische Zwickmühle, und die Form des bis ans Ende in zwölf Therapiesitzungen durchgeführten Gesprächs gibt dem Roman dabei eine pochende Dringlichkeit. „Finsternis“ ist ein faszinierendes Spiel mit den Begriffen der Macht und des Rechts, am Ende auch eine ethische Versuchsanordnung, exerziert an einem extremen Beispiel, schaurig-schön und schmerzhaft ehrlich, ohne dabei im Geringsten voyeuristisch oder lüstern zu sein.

Die Schottin Denise Mina gilt längst als eine der bedeutendsten Krimiautorinnen unserer Zeit. Aus ihrer fünfteiligen Reihe um die Glasgower Polizistin Alex Morrow legt der Argument-Verlag jetzt den bislang fehlenden dritten Band „Götter und Tiere“ nach. Auf gewohnt exzellentem Niveau lässt sie hier eine ganze Reihe von Erzählfäden parallel laufen, die erst sehr spät im Roman zusammenkommen; Kern sind die Ermittlungen um einen Raubüberfall auf eine Postfiliale, bei dem ein alter Mann erschossen wird sowie die Vorgänge um Verfehlungen eines ambitionierten Politikers.

Mit ihrem schonungslosen Blick auf die in Glasgow überwuchernde Korruption der Eliten im Verbund mit der Organisierten Kriminalität legt sie den Finger – wie seit über 20 Jahren in bislang 15 Romanen – in die schwärende Wunde der Stadt: die verheerenden sozialen Differenzen. Morrows Loyalität gerät immer mal wieder ins Wanken, weil ihr Bruder zu den Bösen gehört. Wenn sie ihre Zwillinge stillt, weiß sie jedoch, warum sie auf der anderen Seite steht: Die Zukunft soll nicht der Scham und dem Schmerz gehören.

Steven Uhly: Finsternis. Roman. Secession Verlag, Zürich 2020. 208 S., 20 Euro.

Denise Mina: Götter und Tiere. Kriminalroman. Deutsch von Karen Gerwig. Argument Verlag, Hamburg 2020. 352 S., 21 Euro.