Berlin - Unter den Weihnachtsbäumen ist Spielzeugwelt zweigeteilt:  Pinkfarbene Glitzerpuppen für Mädchen, blaue Rennautos für Jungs. Stevie Meriel Schmiedel, Geschäftsführerin der Protestorganisation Pinkstinks,  kritisiert diese limitierende Geschlechterzuweisung für Kinder. Im Interview erklärt sie, warum Stereotype schon im Kindergarten entstehen und warum junge Frauen sich oft nicht mehr mit dem Begriff Feminismus identifizieren können.

Frau Schmiedel, wo liegt bei der sogenannten Pinkifizierung eigentlich das  Problem? Es sind doch nur  Farben…

Wenn es nur um Farben ginge, wäre das wunderbar. Wenn also der Junge auch eine rosa Mütze tragen könnte und das Mädchen eine blaue, ohne dass das ständig kommentiert würde. Das hat sich in den letzten zehn Jahren intensiviert.  Verständlich, weil die Wirtschaft damit unglaublich viel Geld verdient, in dem es zwei komplett separate Industriefelder geschaffen hat.

Das Problem ist die Einengung, die wir Kindern damit aufdrücken. Wenn ein Junge gern mit Puppen spielt, heißt es ganz schnell, der sei zu weich. Dann bekommt er mit vier Jahren im Kindergarten zu hören, er sei schwul.

Was macht das mit den Kindern?

Die Stereotypen übertragen sich. Wenn ein Junge immer wieder hört, er sei schwul,  dann glaubt er, dass das schlimm sei. Dadurch entsteht schon früh Homophobie. Außerdem vermittelt es den Kindern das Gefühl, dass sie nicht geliebt werden.  Weil sie so, wie sie sind, nicht akzeptiert sind. Das macht Angst - und die Kinder versuchen sich anzupassen.

Aber wenn das Mädchen nun aber unbedingt die pinke Barbie-Puppe haben möchte…

Man muss die Produkte nicht gleich boykottieren und nur noch alternative oder geschlechterneutrale Produkte kaufen. Damit kann man seinem Kind auch Schwierigkeiten bereiten, weil es sich dann vielleicht einer Welt nicht zugehörig fühlt. Vielmehr sollten sich Eltern gemeinsam dagegen verbünden und damit der Wirtschaft zeigen, wie wütend sie über diese Entwicklung  sind. Außerdem sollte man den Kindern erklären, was dahinter steckt -  jedoch ohne erhobenen Zeigefinger.

Mineralwasser für Mädchen

Wie hat sich das Gender-Marketing in den letzten Jahren entwickelt?

Das ist viel mehr geworden. Ich bin selbst immer überrascht, was es inzwischen alles gibt – vom Mineralwasser für Mädchen bis hin zu Gewürzgurken. Sogar Monopoly gibt in zwei Farben. Selbst das Bobby Car gibt es in Pink und Blau.

Eigentlich ist die Gesellschaft doch sensibler geworden: Gender-Mainstreaming hat Einzug in die politischen Debatten gefunden, der Koalitionsvertrag ist geschlechtsneutral verfasst, wir studieren Gender-Studies, wenn ein Politiker eine Kollegin „Süße Maus“ nennt, debattiert die Öffentlichkeit darüber. Wie passt diese Entwicklung dazu?

Eine gebildete Masse ist definitiv sensibler geworden und agiert auch differenzierter.  Aber wir sehen zum Beispiel an dem Aufstieg der AfD oder dem Protest in Baden-Württemberg gegen die neuen Bildungspläne zur sexuellen Vielfalt als Unterrichtsthema,  dass es immer noch viel Widerstand gegen alles gibt, was mit Gender zu tun hat.