Ich bin nicht glücklich darüber, diesen Song geschrieben zu haben, aber ich musste ihn einfach schreiben“, so kündigt Stevie Wonder sein Lied „Living For The City“ auf dem North Sea Jazz Festival in Rotterdam an. Er spielt dazu das unverwechselbare Song-Intro auf dem E-Piano. Was dann vor den weit über 10.000 Menschen im großen Veranstaltungssaal „Nile“ passiert, ist die vielleicht größte Demonstrationsveranstaltung gegen jede Form von Rassismus, die man seit Langem auf einer solchen Bühne gehört und gesehen hat.

Die formidable Band groovt und groovt, und Stevie Wonders Stimme erinnert an einen immer dringlicher werdenden Gospel-Prediger in einer Baptisten-Kirche: „Wenn ich rassistische Äußerungen höre, dann muss ich immer lachen, nicht, weil ich die Unterschiede sowieso nicht sehen kann, sondern, weil ich weiß, dass sie Bullshit sind … Hass ist nicht akzeptierbar auf diesem Planeten!“ Das Publikum folgt den Worten aufmerksam und gerührt.

Immer noch laufen fast nur die gefühlvoll gespielten Akkorde auf dem E-Piano im Kreis und werden getragen von dem unverwechselbaren Groove, den Stevie Wonder auf seinen 70er-Studio-Aufnahmen meistens im Alleingang eingespielt hat. Auf der Bühne braucht es eine große Band mit einem Schlagzeuger und zwei Percussionisten im Dauereinsatz, um die typischen Rhythmen der Songs adäquat in eine Live-Situation zu übersetzen. Und es groovt absolut fantastisch!

Bevor Wonder in die erste Strophe einsteigt, die mit den legendären Worten „A boy is born in hard time Mississippi“ beginnt, bittet er noch die prominente britische, weiße Soul-Sängerin der Generation Schweinsteiger auf die Bühne, die vor Wonder einen umjubelten Auftritt auf dem North Sea Jazz Festival gab: Joss Stone.

„Bei ihr war ich mir immer sicher, dass sie ein wundervoller Mensch ist“, moderiert Wonder die sichtlich gerührte Stone an, „weil ich die Güte in ihrer Stimme gehört habe.“ Als die beiden endlich zusammen in den Strophengesang einsteigen, beginnt der Saal zu kochen. Auch Joss Stone bekommt Raum zur Improvisation und heizt die Stimmung weiter an: „Freundschaft ist für immer! Yeah! Für immer …“

Dass ausgerechnet ein blinder, schwarzer Afroamerikaner zum vielleicht größten Aktivisten gegen Rassismus im Popgeschäft werden musste, darf man getrost als Ironie des Menschenschicksals begreifen.

Das Konzert von Stevie Wonder am letzten Wochenende, dem ein Gig beim Roskilde-Festival vorausging, zeigte jedenfalls ausdrücklich, wie konsequent politisch künstlerisches Engagement heute sein kann, ja sein muss, ohne auch nur einen Moment in Bono-Vox-Profilierungswahn zu kippen.

Christliche Nächstenliebe

Dass Stevie Wonder am Ende nur Gott als eigene Triebfeder akzeptiert, der sich auf Erden für ihn in ewig christlicher Nächstenliebe manifestiert, mag einem als weißer, europäischer, halbwegs aufgeklärter Mittelstandsmensch – immer mit einem Finger am Facebook-Like-Button – schon fast wie ein Märchen aus vergangenen Zeiten vorkommen. Wer jedoch am Wochenende zwischen Fußball-WM-Übertragung und Transformers 4 in 3D auch nur einen kurzen Blick in die Nachrichten warf, dem kam Wonders Predigt mehr wie als nur das Zeugnis eines Soul-Gläubigen vor.

Dass dieser Auftritt in Rotterdam bei einem von dem Branchenriesen „Live Nation“ organisiertem Jazz-Festival stattfindet, kann man natürlich bedauernswert finden. Da braucht man sich wirklich nichts vorzumachen: So ein großes Festival ist bei seinen Preisen (Festivalticket: 200 Euro) und dem Lineup etwas für Gutverdiener (oder deren Kinder). Die Veranstalter des North Sea Jazz Festivals buchen über die Jazz-affinen Popstars hinaus vor allem Acts für Musik-Connaisseure wie etwa die Blue-Eyed-Soul-Herren Hall & Oates („Maneater“) oder die wundervolle Neneh Cherry mit ihrer experimentierfreudigen, nach einem Sun-Ra-Song benannten Begleitband Rocketnumbernine.

Das Sun Ra Arkestra spielt unter der Leitung des Saxofonisten Marshall Allen übrigens parallel zum Stevie-Wonder-Auftritt im kleinen Saal „Darling“ und reist in seiner Raumkapsel unter dem Leitspruch des großen Anführers des kosmischen Jazz, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre: „Space ist the place.“

Eines ist jedem Zuhörer, egal, in welchem Saal des Festivals, klar, da gibt es bei allem Raum für Improvisation in der Musik keine Ausreden: „Space“ ist auf Erden womöglich mehr denn je hart umkämpft, von klein- wie erdbürgerlichen Gentrifizierungsdebatten über Flüchtlingsströme bis hin zum Kriegsgeschehen im Gazastreifen oder der Ukraine. Wonder oder das Arkestra machen deutlich, dass uns diese Tatsache nicht nur die richtige Haltung abverlangt, sondern vor allem konsequentes Handeln. Aus dem Jazz kann man wunderbar lernen, aufmerksam die Sprachen der anderen zu studieren, um gemeinsam daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Ein Leben für die Stadt!