Das Mädchen taucht tief hinab zum felsigen Grund, bewegt sich mühelos, mit langem Atem, eine Schwimmerin in Faltenrock, weißer Bluse, langen schwarzen Strümpfen: Kyoko (Jun Yoshinaga) trägt ihre Schuluniform. Zu Hause wird sie ein wenig dafür getadelt, aber nur sanft. In ihrer Familie begegnet man einander mit Zärtlichkeit, Wärme und Geduld. Ist es da ein Wunder, dass Kyoko mit ihren knapp sechzehn Jahren so furchtlos im Ozean schwimmt? „Das Meer ist lebendig“, sagt ihr Schulfreund Kaito (Nijiro Murakami). Er hat Angst vor ihm und vor dem Leben überhaupt. Kyoko durchschaut das sofort und provoziert ihn, indem sie das Erlebnis vom Eins-sein mit der Welle beim Surfen mit „Sex“ vergleicht – davon hat sie schon gehört. Den ersten Kuss, den sie ihm daraufhin ein wenig aufnötigt, kann er nicht erwidern. Zunächst einmal.
Kyoko und Kaito sind eines dieser mythischen jungen Liebespaare, die zugleich wissend und doch nahezu unbeschrieben sind. Wenn sie zu zweit auf einem Fahrrad fahren, das Mädchen stehend hinter dem Jungen, der gewaltig in die Pedale treten muss, könnte das eine Szene aus einem Truffaut-Film sein, wäre da nicht die üppige subtropische Vegetation. Kyoko und Kaito begegnen einander auf der Pazifik-Insel Amami-Oshima, an weißen Stränden, unter Jahrhunderte alten Bäumen. Aber sie leben nicht im Paradies, sondern in Zeiten von Abschied und Verlust.

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Die 46-jährige japanische Regisseurin Naomi Kawase erzählt ihre Geschichte als Parabel der Übergänge. Von der Kindheit zum Erwachsenen-Leben, vom Leben zum Tod. Vom Alleinsein zum Paar, von der Ehe in die Einsamkeit. Übergänge sind Zeiten besonderer Gefährdung. Wer dabei allein gelassen wird, muss leiden, vielleicht auch scheitern. Das ist die stille Botschaft, die Kawase mit ihrem Film an Gesellschaften übermittelt, in denen allein gegessen und gestorben wird. In denen keiner zuhört und sich keiner stellt. Kawase, selbst Kind von Eltern, die sie früh abgeschoben haben – auch hier eine Parallele zu Truffaut – ist gerade deshalb eine unermüdliche Erforscherin des Konstrukts Familie. Die Suche nach dem Vater, die Verstörung über Kälte und Ignoranz – das sind wiederkehrende Motive in ihrem Werk. Auch in „Still the Water“ sucht der Junge Kaito seinen Vater in Tokio auf – die Antwort auf die Frage, warum er sich von der Mutter getrennt habe, bleibt der Vater schuldig. Stattdessen gibt er dem Jungen auf einem hingekritzelten Zettel den Auftrag, die Mutter zu beschützen. In seiner Hilflosigkeit überfordert er den Sohn. Kaito ist verwundet durch die Scheidung seiner Eltern, er schweigt und hat Angst.

Der Tod wird erträglich

Naomi Kawase ist ihren jugendlichen Figuren eine loyale Verbündete. Sie nimmt sie ernst in ihrem Zorn und ihrer Auflehnung, auch gegenüber dem Tod. Kyokos Mutter, eine Schamanin, kommt zum Sterben aus dem Krankenhaus nach Hause. Der Vater schiebt ihr Bett so, dass sie einen gewaltigen Mangroven-Baum sehen kann. Wenn alle drei auf den Stufen ihres einfachen Hauses sitzen und sich gegenseitig stützen, wird dieser nahende Tod erträglich. Ebenso wie in der langen Szene, in der die Sterbende und ihre Familie mit einem Ritual aus traditionellen Tänzen und Liedern gehalten werden.
Kawase erzählt mit diesen Bildern auch vom Verschwinden der Tradition. Sie scheint nur noch in der Isolation der Insel konserviert zu sein. Ein paar Flugstunden weiter ist nichts davon übrig. Mit seinem angetrunkenen Vater streunt Kaito durchs nächtliche Tokio. Der Vater schwärmt wie alle Großstadt-Neulinge von der Energie der Stadt und der Freiheit, die er dort erlebt. Kawase denunziert dies genauso wenig wie alle anderen Lebensformen in diesem Film. In Momenten der Konfusion und der zu großen Enge in den traditionell nicht verschließbaren Räumen der Häuser agiert die Handkamera. Dem Meer und seinen gewaltigen Dimensionen begegnet sie mit der respektvollen Distanz der Standkamera.
Und das Paar? Nur so viel sei verraten: Kyoko muss Kaito nicht retten – sie haben sich gegenseitig viel zu schenken, wie sie selbst eine wunderbare Gabe an das Kino sind.