„Stille Mitte“ im Fokus: Chemnitz forciert Kulturhauptstadt-Projekte

Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025 hat inzwischen auch einen Fan im All. Mit dem Programm feilt die Stadt an ihrem Image und will die „stille Mitte“ aktivieren.

Stefan Schmidtke, Programmdirektor der Kulturhauptstadt Chemnitz
Stefan Schmidtke, Programmdirektor der Kulturhauptstadt Chemnitzdpa/Bodo Schackow

Chemnitz-Unter dem Eindruck rechtsextremer Ausschreitungen haben die Chemnitzer ihre Kulturhauptstadt-Bewerbung gezimmert und sich im Herbst 2020 gegen die starke Konkurrenz durchgesetzt. Ein Kernanliegen ist, die „stille Mitte“ der Gesellschaft zu aktivieren. Kann das funktionieren? Der Unmut über die Corona-Maßnahmen gibt derzeit wieder Rechtsextremen in Sachsen Auftrieb, die Woche für Woche für illegale Aufzüge trommeln. Und mancherorts bricht sich wieder Gewalt Bahn. Dass sich Künstler davon abschrecken lassen, glaubt Programmdirektor Stefan Schmidtke nicht. „Ich bin mir sicher, dass Kultur und die Auseinandersetzung mit Kultur hier einiges bewegen können.“

100 Seiten ist das „Bid Book“ stark, mit dem Chemnitz den Zuschlag für die Kulturhauptstadt Europas 2025 gewonnen hat – neben Nova Gorica in Slowenien. 72 Ideen, aus denen nun konkrete Projekte gemacht würden, enthalte das Buch, so Schmidtke. Diese hätten Priorität, doch sei geplant, künftig noch einmal die Türen für weitere Vorschläge zu öffnen. Im Sommer 2023 soll der EU dann ein fertiges Programm vorgelegt werden.

Nussknacker im Orbit

Erste Pflöcke wurden vergangenes Jahr eingeschlagen. Radsportler gaben mit einer Tour nach Prag einen Vorgeschmack auf den „European Peace Ride“, mit dem Sportkultur gefeiert werden soll. Im November wurde mit der Pflanzung erster Bäume das Großprojekt „We Parapom“ gestartet – der Auftakt für eine Parade von bis zu 4000 Apfelbäumen quer durch die Stadt. Derweil ist der Kunstexperte Alexander Ochs unablässig rund um Chemnitz unterwegs, um den „Purple Path“ zu entwickeln. Der Kunst- und Kulturpfad soll die Stadt mit dem Umland verbinden. Dazu wurde auch ein Nussknacker zur Raumstation ISS geschickt.

In einem Monitoring lobte die EU-Jury jüngst die Fortschritte und „den hohen Grad an Professionalität“ des Chemnitzer Teams, gibt ihm aber auch einige Hausaufgaben. So müsse das Konzept der „Maker“ (Macher) genauer herausgearbeitet werden. Sonst sei es ein reiner Modebegriff, unter dem alles Mögliche zu verstehen sei. Und die Experten mahnen mehr Tiefgang mit Blick auf den Umgang mit Menschen am rechten Rand der Gesellschaft und ihren Ansichten an.

„Mein Ziel ist es, Atmosphären zu schaffen, wo sich die Menschen wohlfühlen“, betont Schmidtke. Dann kämen sie auch auf andere Gedanken. 2022 will er parallel zum Aufbau tragfähiger Strukturen weiter Appetit auf 2025 machen. Neben einem Chorfest sei dazu ein Festival unter dem Titel „Makers United“ als Treffen von Kulturschaffenden und Bürgern in der Stadt geplant. Und auch die Parade der Apfelbäume wird weiter wachsen. Künftig sollen noch mehr Flächen entsiegelt und jeweils im Frühjahr und im Herbst weitere Bäumchen in die Erde gebracht werden.