Installationsansicht, Allegory of Terror von Igor Vidor im Künstlerhaus Bethanien.
Igor Vidor Foto: Peter Rosemann

BerlinBeim Händewaschen zweimal „Happy Birthday” singen – so lautete eine Empfehlung der WHO zur Eindämmung der Corona-Krise. Das Singen sollte bekanntlich die 20 Sekunden dauernde Wasch-Monotonie füllen. In Gladys Kalichinis Arbeit „…these gestures of memory” wird gerade diese Monotonie zur tranceartigen Endlosschleife verstetigt. In ihrem Video zeigt sie drei Frauen in Schwarz-Weiß, die in traditionellen Gewändern vor einer Plastikschüssel knien. Der Reihe nach waschen sie sich die Hände und reichen sich ein Stück Seife weiter, als sei es Teil einer Fließband-Produktionskette.

Kalichini überblendet die Wahrnehmung der Körperpflege als Reinlichkeitssymbol. Das Händewaschen – so könnte eine Interpretation lauten – steht für die sprichwörtliche Reinwaschung von Geschichte, also für die Unterdrückung all dessen, was nicht in die bestehende Erzählung passt. Dass wir die Gesichter der Frauen nicht sehen, ist kein Zufall. Der Künstlerin geht es um ihre Abwesenheit im kollektiven Gedächtnis. Das fehlende Bewusstsein über die Rolle der Frauen als Sturzhelferinnen der britischen Kolonialherrschaft in Sambia und Simbabwe ist der Kontext, aus dem die Arbeit ihre Kraft entfaltet.

Unter den fünf Künstlern, deren Werke jetzt im Bethanien zu sehen sind, ist Kalichinis die einzige, die Medienkunst mit einbezieht. Ihre Videos ergänzen schaukelartige Holzskulpturen, die mit den Namen vergessener Widerstandskämpferinnen beschriftet sind und auf denen schwarze Papierblüten liegen. Das Zusammenspiel zweier Prinzipien – das Flüchtig-Fragile der Blüten und das Spielerisch-Schwankende der Schaukeln – scheint zu sagen, dass es nicht immer eine erhobene Waffe sein muss, die Revolutionäres herbeiführt. Kalichinis Kunst ist auf raffinierte Weise politisch. Ihr gelingt ein hypnotisierendes Zusammenspiel von subtilen Gesten und deutungsschwangeren Allegorien.

Aspekte von Natur und Politik ziehen sich auch durch die Werke der anderen Künstler der Ausstellung: Igor Vidor etwa dekonstruiert in „Allegory of Terror“ den Ethos der Zugehörigkeit, wie er sich in Form wehender Nationalfahnen manifestiert. Er zerstückelt die Fahnen zu einem statischen Hängegebilde und versieht sie mit unverwandten Motiven wie Waffeninsignien oder Wortfragmenten aus dem Bereich der Astrologie. Plakativ vermischt sich das Bekannte mit dem Absurden.

Die Arbeiten von Annedore Dietze und Paul Wesenberg spielen mit der Optik floraler Formen und Strukturen. In Dietzes großformatigen Blütengemälden in saftigen Pink- und Blautönen ist es der Moment kurz vor dem Aufblühen, der die anthropomorphe Anziehungskraft dieser Gebilde ausmacht. Bei Wesenberg wird der Canvas selbst zur Landschaft: Der Künstler zerreißt und zerschneidet seine Rohleinwände, sie werden dabei zu kryptoromantisch-abstrakten Waldgebieten, die Wesenberg mit futuristisch hervorstechenden Ölfarben kontrastiert.

So unterschiedlich die vorgestellten Werke sind – sie alle verschmelzen, auf die eine oder andere Weise, organische Naturästhetik und politisches Denken.

Ausstellung bis 12.07.2020, Künstlerhaus Bethanien, Kottbusser Straße 10.