Im Juli stellten Stiftungspräsident Hermann Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters Reformpläne für die Preußenstiftung vor.
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BerlinDie organisatorische Struktur und die Entscheidung über das Geld, das Kulturinstitutionen zur Verfügung gestellt wird, sind letztlich politische Machtfragen. Das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man den langen, am Freitag auf der Internetseite der Staatlichen Museen Berlins veröffentlichten Brief von 19 Museumsdirektoren liest. Er ist ein in der deutschen Museumsgeschichte seltener und auch mutiger Bruch mit den üblichen Protokollwegen und straffen Hierarchien.

Offenbar erschien dieser Bruch den Direktoren notwendig, nachdem der Wissenschaftsrat den Staatlichen Museen vor vier Wochen mangelnde kulturelle und wissenschaftliche Wirkungskraft vorgeworfen hatte. Nun fordern die Direktoren vehement Mitsprache bei der angekündigten Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sie berufen sich dabei ausdrücklich auf das Papier des Wissenschaftsrats und kritisieren in bisher nie gelesener Härte die „Tendenz zur Zentralisierung und Konzentration von Aufgaben, ineffiziente Strukturen, überkomplexe Prozesse und Kommunikationsprobleme“. Es gebe „sicher keine vergleichbare Einrichtung, in der die Spielräume für die inhaltlich Verantwortlichen so begrenzt sind wie bei den Staatlichen Museen zu Berlin“.

Auch wenn amerikanische, britische, französische oder gar niederländische Direktoren ebenfalls mit Einfluss von außen umgehen müssen: Diese Kritik richtet sich nicht nur an die Stiftungsspitze unter Hermann Parzinger, sondern auch an die für die Finanzierung der Stiftung letztlich verantwortliche Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien, Monika Grütters. Ihr Engagement für die Museen wird in diesen Tagen nämlich oft als massiv übergriffig betrachtet.

Sie installierte über die Museumsspitze hinweg das inzwischen als Trio infernale bekannte Dreierteam mit den Gründungsintendanten Hermann Parzinger, dem britischen Museumsmanager Neil MacGregor und dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp für das Humboldt-Forum. Es agierte unter der demütigenden Behauptung, die Museen selbst könnten das Projekt nicht stemmen. Die drei demontierten zwar viele von deren Ausstellungskonzepten, setzten aber außer einer umstrittenen weiteren Bildungsakademie keine Alternativen an ihre Stelle. Vollkommen hilflos waren sie auch, als die Debatte um von zu Kolonialzeiten erworbene Kulturgüter aufkam – nicht zuletzt, weil die Erfahrungen der Museumsmitarbeiter mit solchen Debatten ignoriert wurden. Grütters installierte darüber hinaus die eigentlich nur als Betriebsorganisation gedachte Stiftung Humboldt-Forum – die sich inzwischen zu einem vom Bund finanziell hervorragend ausgestatteten Konkurrenten zu den Staatlichen Museen entwickelt.

Auch die Planung für das Museum des 20. Jahrhunderts mitten auf dem Kulturforum – die international höchst umstrittene, inzwischen auf skandalös teure 450 Millionen Euro kalkulierte und als ökologisches Desaster bezeichnete „Scheune“ nach den Plänen der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron – geht wesentlich auf Grütters’ Initiative zurück. Die Museen wünschten sich eigentlich nur einen effizienten, kleineren Erweiterungsbau an der Sigismundstraße, in der Ecke zwischen Neuer Nationalgalerie und Neuer Gemäldegalerie. Es war Grütters, die das Geld für den weit größeren Neubau organisierte, die – einigen Berliner Kunstsammlern folgend – den betriebswirtschaftlich extrem ineffizienten, deswegen von den Museen und der Stiftung ursprünglich abgelehnten Bauplatz festlegte.

Aus solchen Erfahrungen heraus fordern die Direktoren also mehr Autonomie, lehnen auch klar eine aus eigener Kraft agierende „Intendanz“ an der Stelle des traditionell nur moderierenden Generaldirektors ab. Und sie bestehen darauf, dass die Staatlichen Museen als Einheit erhalten bleiben, also alle Ideen, etwa das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst in eine neue, selbstständige Institution Humboldt-Forum zu überführen, aufgegeben werden sollten.

Eigentlich sollten die Direktoren ihre Vorstellungen erst am 19. August bei der Sitzung des Stiftungsrats vortragen. Doch offenkundig haben sie Angst, dass sie danach wieder totgeschwiegen werden. Grütters und Parzinger wollen nämlich die Reform der Stiftung bisher nur mit einem kleinen Gremium vorbereiten. Derzeit bekannte Teilnehmer: Grütters, Parzinger und der von ihm 2019 berufene Verwaltungsdirektor der Stiftung, Gero Dimter, sowie eine „weitere Person“.

Nicht im Gremium vertreten wären dann: Leiter und Mitarbeiter der Bibliotheken, Museen, Archive und Institute, um deren Reform es gehen soll, andere Fachleute für modernes Museums-, Bibliotheks- oder Wissenschaftsmanagement, schon gar nicht die Nutzer, wie man es in den nordischen Staaten oder den USA als ganz selbstverständlich empfinden würde.

Die Direktoren protestieren deswegen: „Wir brauchen keine Gruppe, die ohne uns und über unsere Köpfe hinweg darüber berät, wie die Lage der Staatlichen Museen zu Berlin zu verbessern ist.“ Tatsächlich wäre es absurd, nach der scharfen Kritik des Wissenschaftsrats am von der Politik und der Stiftungsspitze entwickelten zentralistischen Gremienwirrwarr nun ein weiteres zentralistisches Gremium einzusetzen, in dem genau die sitzen, die das Desaster verantworten müssen.

Dass der Brief auf der Website der Staatlichen Museen veröffentlicht werden konnte, deutet darauf hin, dass auch Generaldirektor Michael Eissenhauer – der nicht unterzeichnet hat, das wäre ein zu grober Bruch des Protokolls gewesen – nun endlich die offene Debatte um die Zukunft der Museen will. Allzu oft wurde er öffentlich düpiert, etwa als er 2012 versuchte, die seit 1999 fest beschlossene Rückkehr der Gemäldegalerie an die Museumsinsel im Rahmen einer großen „Rochade“ durchzusetzen. Damit wäre das Gebäude der Neuen Gemäldegalerie am Kulturforum für die Nationalgalerie frei geworden und der aktuell geplante „Scheunen“-Neubau überflüssig. Aber als Proteste aufkamen, ließen ihn Parzinger und die damalige Vorsitzende des Bundestagskulturausschusses Monika Grütters regelrecht im Regen stehen, statt das sinnvolle Projekt durchzukämpfen.

Der Direktorenbrief ist also ein Hilferuf. Immerhin: Gegenüber der Berliner Zeitung ließ Parzinger am Sonntagnachmittag mitteilen, dass er „die Eigeninitiative unserer Museumsdirektorinnen und –direktoren sehr begrüße“. Sie würden „selbstverständlich“ wie die anderen Mitarbeiter der Stiftung „in diese Prozesse einbezogen“. Es wird sich schnell zeigen, ob das auch geschieht – oder ob Grütters und Parzinger wieder auf eine Reform von oben nach unten setzen, obwohl die nach allen Erfahrungen wieder scheitern würde.