Berlin - Der Saal tobt, als wäre mit dieser Inszenierung endlich alle Gender-Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft. Oder zumindest so, als würde nun endlich die letzte Schlacht beginnen. Er tobt, der Saal, in dem viele Angehörige und Mitstreiter sitzen, um der Sache und der Liebe willen. Aber die beste und stärkste Wirkung von „Stören“, der im Gorki-Theater uraufgeführten Stückentwicklung, gehört den Schauspielerinnen selbst.

Sechs Frauen zwischen 18 und 24 Jahren, zu jung oder zu beschäftigt für eine Schauspielausbildung, aber mit einer Konzentration und Energie bei der Sache, dass die 80-minütige Aufführung mit nicht unkomplizierten chorischen Anteilen und Choreographien druckvoll und formstark über die Bühne geht.

Keine Rückschlüsse von den Äußerlichkeiten ziehen

Die junge Basler Theaterpädagogin und Regisseurin Suna Gürler, die selbst bei Sebastian Nüblings herrlicher Sibylle-Berg-Tirade „Und dann kam Mirna“ auf der Gorki-Bühne steht, hat die sechs, wie sie im Radio erzählte, möglichst verschiedenen jungen Frauen ausgesucht, die sie aus ihren Kursen kennt. Es gibt eine eher lange und eine eher kurze Blonde, eine mit Kopftuch, eine mit asiatischem, eine mit orientalischem Gesicht und eine, die nicht auf ihr Frausein reduziert werden will.

Die Heterogenität der Hintergründe ist zwar Absicht, gleichzeitig ist es nicht erlaubt, Rückschlüsse von den Äußerlichkeiten abzuleiten. Das Kopftuch zum Beispiel ist hier kein Bühnenzeichen − sowenig wie Haut- oder Haarfarbe der Spielerinnen −, sondern wird als schlichte Realität behandelt. „Stören“ ist schließlich, neben „Atlas des Kommunismus“, die zweite Eigenproduktion des Festivals „Uniting Backgrounds“.

Paranoide Eltern

Mit den sechs Frauen zusammen hat Suna Güler sich an das Thema Sexismus gepirscht, fleißig recherchiert und sich über die eigenen Erlebnisse ausgetauscht. Es sind beklemmende − skandalöserweise alltägliche − Erlebnisse von Unachtsamkeit, Belästigung, Erniedrigung, Misshandlung.

Das Benennen des handgreiflichen, aus Scham und Rücksicht tabuisierten Problems ist hier nur der Anfang. Es findet vor allem auch eine Reflexion über die psychischen Folgen statt. Die gesellschaftlichen Benachteiligungen haben sich oft längst als eigenes Manko in die Seelen geschrieben, sie sollen nun identifiziert und angeprangert werden.

Es geht darum, aus der Opferrolle herauszukommen, die diffusen Ängste abzuschütteln, die Hoheit des Handelns und Deutens zurückzugewinnen. Die einengenden, von den aus nachvollziehbaren Gründen paranoiden Eltern eingeimpften und fortgeschriebenen Zwangshandlungen als das zu identifizieren, was sie sind: vorauseilende Unterwerfung. Schluss damit! Die Welt gehört allen!

Sehr wertvolles Theater

Ah, das tut gut! Zumal einem niemand das Gefühl der überwundenen Bühnenangst und des daran gereiften Selbstbewusstseins wegnehmen kann. Wie die lächeln! Als hätten sie Berge versetzt. Und der tobende Applaus deutet auf nicht weniger hin. Also: sehr wertvolles Theater. Man muss wirklich keinen Augenblick darüber nachdenken, sondern kann sofort mit dem Nicken anfangen.

Anders als bei den Wuttiraden, die ansonsten gern mal im Gorki-Theater abgeschossen werden, und die in die finsteren Winkel der bürgerlichen Zuschauerseele zielen und manchmal eben auch was erwischen, sitzt man hier voll elterlicher Rührung sicher auf der richtigen Seite. Fast schon ungestört.

Stören. 21. 10., 16. 11.: 19.30 Uhr, 23. 10.: 15Uhr, 15. 11.: 11Uhr

im Gorki, Tel.: 20 22 11 15