Szene aus "Dispatches from Elsewhere", Jason Segel und Eve Lindley. 
Foto: Zach Dilgard/AMC

BerlinWelche Folgen die Seriensucht haben kann, das war auf sehr unterhaltsame Art im französischen Berlinale-Wettbewerbsfilm „Verlauf löschen“ zu sehen: Eine Frau verlor durch exzessives Binge-Watching ihren Job im Atomkraftwerk und musste sich als Chauffeurin durchschlagen. Schon seit fünf Jahren bietet die Berlinale mit ihren „Series Days“ neuen Stoff für die Süchtigen. „Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Sex“ hat Leiterin Julia Fidel als aktuelles Dreier-Motto ausgegeben. Die Spanne reicht von den düsteren Bildern der Netflix-Serie über Sigmund Freud bis zum freundlichen Sechsteiler „Sex“ aus Dänemark. 

Hier gerät das Liebesleben einer jungen Frau, die bei „einer “Hotline zu sexuellen Problemen berät, in Turbulenzen – soll sie bei Simon bleiben oder es mit Selma versuchen? Die Episoden dauern nur eine Viertelstunde, das Ganze bleibt ein konventionelles Liebesdrama. Ganz anders der kanadische Zehnteiler „Happily Married“. Nachdem zwei Nachbarspaare ihre Kinder ins Ferienlager gebracht haben, brechen ihre sexuellen Konflikte auf. Serge gibt seiner Gattin Micheline einen Sex-Ratgeber – und wundert sich, dass er das Buch vom Nachbarn Gaetan zurückbekommt. Was sich hier zwischen Grill, Bett und Pool abspielt, ist rasend komisch – und das alles noch im coolen 70er-Jahre-Stil. Die zwei Berlinale-Folgen machten süchtig nach mehr!

Wohin die Reise geht

Dramatisch angelegt ist auch die australische Serie „Stateless“. Cate Blanchett lieferte nicht nur die Idee, sondern fungierte auch als Execute Producerin und Nebendarstellerin. Die Hauptrolle spielt Yvonne Strahovski („The Handmaid’s Tale“), eine Stewardess, die erst vor ihrer ignoranten Familie, dann vor einer dubiosen Sekte flieht und in einem Flüchtlingscamp in der Wüste landet – wo auch eine afghanische Familie ankommt. Hier weiß man nach zwei Folgen noch nicht so recht, wohin die Reise geht, ebenso bei der Serie „Dispatches From Everywhere“: Vier Menschen, die aus ihrem Alltag ausbrechen möchten, werden von einem ominösen Institut mit immer neuen Hinweisen quer durch New York geführt.

Anke Engelke als Grabrednerin

Deutsche Serien gehörten nicht zur Berlinale-Auswahl, wurden aber im Zoopalast dem Weltmarkt präsentiert. Das größte Potenzial besitzt die Neuverfilmung der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ als Serie für Amazon, die Büchern stammen von Annette Hess, Regie führte Philipp Kadelbach. Die Handlung erstreckt sich von den 70ern bis in die 90er. Drama und Komik verspricht die Netflix-Serie „Das letzte Wort“: Hier spielt Anke Engelke eine Grabrednerin, deren Leben vom dem plötzlichen Tod ihres Mannes aus den Fugen gerät. Eine ZDF-Serie über den Friedrichstadtpalast, Regie führt Uli Edel, will mit dem Schauwert der Revuen punkten: Die Tänzerinnen mit ihren spektakulären „Klicklines“ sollen eine Atmosphäre à la Las Vegas verbreiten.