Frauenpower-Szene aus „Luanda-Kinshasa“, 2013.
Foto: Stan Douglas / V. Miro und D.Zwirner

BerlinÄußerlich erscheint das Ambiente beinahe echt. Die farbigen Kirchenfenster im Stile des Art Deco filtern das einfallende Licht auf fast sakrale Weise. Drinnen verraten  pragmatische Raumteilungen, zudem grün und warnend rot leuchtende Hinweisleuchten über den Schallschutztüren, dass wir in ein Tonstudio schauen. In eine Legende, besser – in deren verblüffende Rekonstruktion.

Das New Yorker Tonstudio „The Church“, das zwischen 1948 und 1981 in einer ehemaligen Kirche für bahnbrechende, heute ikonische Aufnahmen etwa von Miles Davis’ „Kind of Blue“ oder Pink Floyds „The Wall“ diente, ließ der kanadische Videokünstler Stan Douglas für einen sechsstündigen Film – man sollte also viel Zeit mitbringen, was sich dann aber auch lohnt! – wiedererstehen. Er drehte mit der größten Videoarbeit – „Luanda-Kinshasa“– eine Ode an die schwarze Musik.

Melodische Metapher für Leidenschaft, Sehnsüchte, Trotz

Kuratorin Paola Malavassi hat für die Berliner Ausstellung  in der Stoschek-Sammlung unter dem Titel „Splicing Block“ drei einprägsame Douglas-Arbeiten ausgewählt. Die Genannte,  mit den Namen der Hauptstädte Angolas und des Kongo überschrieben, widmet sich unüberhör- und unübersehbar der Beziehung zwischen schwarzer Musik und Gesellschaft. Und auch die Videos „Hors-Champs“ und „Disco Angola“ thematisieren (De)Kolonialisierung, Migration, Jazz, Underground Disco und Afrobeat. Auf der Großleinwand im Stoschek-Filmraum spielt in „Luanda-Kinshasa“ ein Ensemble afroamerikanischer und ein paar weißer  Musiker – zwischen den Männern eine junge Drummerin. Das Sechs-Stunden- Spiel ist eine melodische Metapher für Leidenschaft, Sehnsüchte, Trotz.

Aus „Luanda-Kinshasa“, 2013, mit stoischem Tontechniker.
Foto: S. Douglas/ V.Miro u. D.Zwirner

Gedreht wurde an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in jeweils halber Besetzung. Es gelang, große Namen für die Aufnahmen zu holen: Liberty Ellman, Antoine Roney, auch Kimberly Thompson. Erst im Schneidestudio vereinte Douglas dann das ganze Konzert zu dieser langen Jam-Session. Orientiert hat der fast 60-Jährige Documenta- und Biennale Venedig-Künstler sich an Jean-Luc-Godards  Dokumentation von 1968, bekannt geworden unter dem Titel „Sympathy for the Devil“.  

Mitreißender Rhythmus lässt einen kaum sitzenbleiben

Stan Douglas ist zur Eröffnung da, er sagt vorm Eingang zum Film-Saal, dass Miles Davis’ „On The Corner“ sein Lieblingsalbum sei, und er erklärt „So klingt für mich Utopie!“ Darum filmte er die Musiker im Stil und in den Klamotten der 1970er-Jahre – und lässt sie an ihren Instrumenten ihre Seele offenbaren, an den Gitarren, den Saxofonen, Klarinetten, Trompeten, den Schlagzeugen, Keyboards und gerade auch den Bongos. Die traktiert mit erst stolzer Miene und sanfter Leidenschaft eine silbergraue Trommler-Gottheit im dekorativen afrikanischen Kaftan. Der mitreißende Rhythmus lässt einen als Zuhörer-Zuschauer kaum auf der Bank im Videoraum sitzenbleiben.

Über uns ergießt sich ein ganzes Lexikon der Rhythmen, das bei dieser minuziös gefilmten Improvisation aufspielt und einen in der Dunkelheit des Filmraumes in die Glieder fährt und eigentlich tanzen lassen will. Die junge Drummerin mit ihren selbstvergessen hübschen Grimassen schlägt auf die Toms ihres Drumsets mit heiliger Lust. Man möchte meinen, sie spiele um ihr Leben. Der junge Bassgitarrist scheint zu träumen und einer der Bläser lauscht in sich hinein, bevor er einsetzt in diese Session in einem Studio, das einer alten Kirche gleicht.

Douglas’sche akribische Konstruktion von Freiheit

Es gibt keine Hierarchien in diesem Zusammenspiel von Solisten, die eine zauberische Musik entfalten. Es gibt nur Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe, die mit ihren Instrumenten miteinander kommunizieren, ohne den anderen rechthaberisch zu übertrumpfen. Und es gibt schlipstragende Tontechniker, die in ihren Arbeitskitteln und Overalls scheinbar ungerührt  von der magischen Musik, sachlich-stoisch an der Technik schrauben, was die  Inszenierung nicht etwa ernüchtert, sondern ihr etwas fast Slapstickhaftes – also eine körperbezogene, wortlose, visuelle Formen der Komik – verleiht.

Nach zwei Stunden der „Luanda-Kinshasa“-Session haben wir eine typisch Douglas’sche akribische Konstruktion von Freiheit erlebt, wie es sie im realen Alltag und im Zusammenleben der Menschen, egal, welcher Nation, welcher Ethnie oder Schicht ja kaum gibt. Der Afro-Kanadier Stan Douglas, der seit langem die Parameter der Medienkunst auslotet, mag es, die Musik und sein auf Menschen gerichtetes filmisches Handwerk, dazu das Schneiden und das Neu-Zusammensetzen von analogem Bildmaterial zu etwas  so Nie-Dagewesenem zu verbinden. Damit unterbricht er gewohnte Erzählstrukturen – und outet sich als Utopist: mittels der Kunst.

Julia Stoschek Collection Berlin

Leipziger Str. 60. Bis 1. März 2020, Sa+So 12–18 Uhr.
 www.julia-stoschek-collection.net