Ich weiß noch, wie ich auf die Straße rannte, als sie den ersten Baum fällten, es war die Linde vor unserem Haus. Doch es hatte alles seine hässliche Ordnung. Die Wasserbetriebe mussten in der Neuköllner Weserstraße Rohre austauschen, die aufgrund der Enge unter den Bäumen verlegt worden waren. Sie mussten also weichen. Fünf Jahre lang lebten wir auf unserem Abschnitt der Straße ohne sie. Vor ein paar Tagen haben sie endlich neue gepflanzt, aber es sind keine Linden.

In unserer Straße ist das neue Berliner Baumzeitalter angebrochen. Der traditionelle Berliner Lindenbaum, der heute ein Drittel des gesamten städtischen Bestands von rund 430.000 Bäumen ausmacht, wird darin eine immer kleinere Rolle spielen. Die Gründe: Die Linde braucht viel Wasser, doch in den Sommern fällt nicht mehr so viel Regen wie früher. Und sie entwickelt mehr Totholz als andere Baumarten. Linden muss man also oft schneiden. Zu oft, gemessen am Personal in den Berliner Grünflächenämtern. Rationalisiert wird eben überall.

Die Bäume der Zukunft

Vier Baumsorten haben sie nun neu gepflanzt: Kobushi-Magnolien, Wildbirnen, Schwedische Mehlbeeren und auf unserem Abschnitt der Straße Hopfenbuchen mit laut Grünflächenamt interessanten Blütenständen. Weiß gekalkt zur Abwehr von Frostbiss und Schädlingen, vor anlehnungsbedürftigen Fahrrädern von den Holzpfählen um sie herum geschützt, stehen sie da, diese Zukunftsbäume. So nennen sie sie nämlich im Neuköllner Grünflächenamt. Auch Klimabäume. Sie brauchen wenig Wasser, und man sagt ihnen nach, den Großstadtstress besser verkraften zu können, vor allem den, der von Hundeurin ausgelöst wird.

Die Hopfenbuche etwa wuchs bisher vor allem im Mittelmeerraum. Sie kann längere Dürreperioden überstehen und milde Winter. Vor 50 Jahren wäre die Hopfenbuche erfroren in Berlin, auch noch vor 30. Aber nun sind hier die Winter ja so mild wie früher nur in Napoli.

Auch die ungewohnte Artenvielfalt folgt einer Strategie. Unsere Neuköllner Straße ist eine Art Testgebiet, ein Try-and-Error-Gelände dafür, was nun wirklich funktioniert in den heißen Berliner Sommern, bei sinkendem Grundwasserspiegel und der in der Einsamkeit der Großstadt zunehmenden Hundedichte. Die leere Flasche Rotkäppchensekt, die ich gestern auf der extra-großen Baumscheibe unseres Hausbaums fand, ist eher ein ästhetisches Problem.