Ein Bild der Vergangenheit.
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BerlinAls Geschenke zu Weihnachten waren sie noch mal gefragt: Die DVD oder Blu-ray mit der Hollywood-Komödie oder dem Filmklassiker sind ein persönliches Geschenk zum Anfassen, lassen sich hübsch einpacken und machen auch ausgepackt was her. Über 60-Jährige lassen sich auch mit Musik-CDs oder Hörbüchern beglücken. Doch was liegt gleichzeitig in den Verschenkekisten auf der Straße? Es sind ganze Sammlungen von CDs und DVDs – sie nahmen zu viel Platz weg, verlangten nach extra Geräten und ließen sich nicht überall abspielen.

Das Musikhören und das Filmegucken haben sich in 2010er-Jahren weitaus schneller verändert als in allen Jahrzehnten davor. Die Schallplatte erreichte in den USA ihren Höhepunkt 1978 (Bestseller war damals der Soundtrack von „Saturday Night Fever“ von den Bee Gees). Die Spitze des CD-Verkaufs war 1999 erreicht, Topalbum war „Millennium“ von den Backstreet Boys. In Deutschland verliefen die Kurven ähnlich, nur etwas zeitversetzt. In den Jahren ab 2010 erlebte zunächst der Download von Songs dank iTunes und Co. eine kurze Blüte mit der Spitze im Jahr 2012.

Der Streamingdienst Spotify hat den Markt übernommen.
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Seither aber setzen sich Streamingdienste wie Spotify durch. 2018 nahm die deutsche Musikindustrie erstmals mehr Geld durch Audio-Streaming ein als durch den CD-Verkauf, im ersten Halbjahr dieses Jahres lagen die Einnahmen sogar schon doppelt so hoch – und das, obwohl viele jüngere Nutzer auf Spotify nur die Gratis-Variante mit Werbung nehmen! Noch nie war so viel Musik verfügbar – und dabei so billig. Eine Vinyleinheit kostete, in heutige Preise übertragen, rund 25 Euro, eine CD etwa 20 Euro, das Download-Album nur noch gut 10 Euro – und für das Stream-Album zahlen viele gar nichts mehr.

Es ist so viel einfacher geworden

Inzwischen sind selbst Traditionalisten wie ich zu Spotify und Co. gewechselt. Viele Jahre hatte ich mir neue Musik besorgt, indem ich mir CDs auslieh und daheim brannte. Nun ist meine Kreuzberger CD-Ausleihe umgestiegen – auf Vinylverkauf. Die Kombination von Platte und Abruf findet ja selbst Jack White cool: Streaming in Küche und Auto, Vinyl im Arbeits- und im Wohnzimmer. Sogar meine Weihnachtsgeschenke – Annett Louisan für die Mutter, The Who für mich selber – habe ich zuvor bei Spotify getestet. Mitunter ist es mir zu schäbig, einen Künstler, der mich seit 30 Jahren begleitet, nur noch per Spotify zu hören. Da kommt zu den zwei Dutzend Elvis-Costello-Alben eben noch das eine oder andere dazu – und man fühlt sich fast wie ein Spender für wohltätige Zwecke.

Beim Filmegucken gibt’s leider kein Retro-Format wie die Vinyl-Platte – die Blu-ray entwickelt nicht solche warm-knisternden Gefühle. Dafür ist es in den 10er-Jahren so viel einfacher geworden, sich von Fernsehprogrammen und Öffnungszeiten unabhängiger zu machen. Musste in den 90ern noch der VHS-Rekorder, in den Nullerjahren der Festplattenrekorder aufwendig programmiert oder spätabends die DVD in die Videoausleihe zurückgebracht werden, so reicht heute der Klick in die Online-Videotheken wie Netflix oder Amazon Prime. Kürzlich meldete ProSieben stolz, dass zum ersten Mal eine Eigenproduktion mehr über digitale Kanäle als linear im Programm gesehen wurde – es war „Late Night Berlin“ von Klaas Heufer-Umlauf.

Man fühlt sich fast wie ein Spender für wohltätige Zwecke.

Torsten Wahl über das Gefühl beim Plattenkauf

Die ganz große Euphorie ist verschwunden – die Zahlen steigen trotzdem

Die Zahlen der Streaming-Dienste steigen aber nicht mehr so rasant, die Euphorie ist verflogen. Auch ich tue mich immer schwerer damit, mich komplett einer neuen Serie mit zig Staffeln zu verschreiben – das kostet ja doch viel Lebenszeit. Acht Prozent der Deutschen rufen täglich Netflix auf, vier Prozent Amazon Prime – und zwei Prozent die ARD-Mediathek.

Doch in diesem Jahr haben die trägen Öffentlich-Rechtlichen endlich angefangen, ihre Mediatheken besser aufzubauen und zu vernetzen. Erst online finden die ARD-Programme zusammen – für die wir schließlich mehr Geld bezahlen als für Netflix. Und die Klage, die anspruchsvollen Filme oder Dokumentationen liefen so spät, gilt nicht mehr – mit der „Online First“-Strategie steht vieles sogar vor Ausstrahlung im Netz.