Die Zahlen kann man nicht missverstehen: Im dritten Quartal konnte die amerikanische Streaming-Firma Netflix fast 3,6 Millionen neue Abonnenten gewinnen, davon 3,2 Millionen Kunden im internationalen Geschäft.

Das Unternehmen schreibt diesen Boom der Zugkraft populärer Eigenproduktionen zu, besonders der neuen Science-Fiction-Serie „Stranger Things“ (eine Hommage an die 1980er-Jahre,  den Autor Stephen King und den Filmregisseur Steven Spielberg), aber auch dem Drogen-Drama „Narcos“ und Marvel-Reihen wie „Daredevil“, „Jessica Jones“ und „Luke Cage“. Auch „House of Cards“ oder „Orange is the new Black“ bleiben populäre Netflix-Aushängeschilder.

Bis Ende diesen Jahres erwartet der Streaming-Anbieter zusätzlich zu seinen weltweit 86 Millionen Abonnenten über fünf Millionen weitere Kunden. Doch für Netflix ist das wohl nur eine Etappe. Der Geschäftsführer Reed Hastings erinnerte kürzlich daran, dass Facebook und YouTube über eine Milliarde Zugriffe pro Tag hätten.

Und langfristig wird es weniger um die Art des Angebots als vielmehr  um die Zeit gehen, die Nutzer am Bildschirm, Laptop oder Smartphone bei einem Anbieter verbringen – um „Consumer Screen Time“.

Zunächst tobt aber noch der Wettkampf zwischen diversen TV- und Online-Anbietern, und da ist Netflix längst ein ernster Rivale für Hollywood geworden. Sechs Milliarden US-Dollar will das Unternehmen 2017 für tausend  Stunden Eigenproduktionen ausgeben (2016: 600 Stunden). Die 1998 als Internet-Videothek mit DVD-Versand gegründete Firma zieht dabei zunehmend Stoffe und Kreative, vor allem aber Aufmerksamkeit von etablierten Konkurrenten ab.

Serien bleiben das Kerngeschäft von Netflix

Amerikanische Kabel- und Pay-TV-Sender, bis vor kurzem noch erste Adresse für ambitionierte, moderne Serien-Erzählungen, fallen zusehends hinter Netflix oder auch Amazon zurück. Selbst HBO kann nur hoffen, dass seine neue Serie „Westworld“ die Strahlkraft der in Kürze abgeschlossenen Zugnummer „Game of Thrones“ dupliziert, um etwas vom Glanz des ehemaligen Klassenbesten zu bewahren.

Der Erfolg von Netflix ist zudem transformativ, auch die Sehgewohnheiten werden von der Streaming-Firma stetig verändert. Denn obwohl das gewaltige, sich ständig ändernde Spielfilm-Angebot noch immer ein Schlüssel-Argument von Netflix ist, geht es hier kaum noch um Kino.

Zwar stellt das Unternehmen auch abendfüllende Produktionen her – darunter das gefeierte Kindersoldaten-Drama „Beasts of no Nation“ von Cary Fukunaga oder, seit Sonntag verfügbar, Werner Herzogs bildgewaltige Vulkan-Studie „In den Tiefen des Infernos“. Doch das sind nur künstlerische Feigenblätter. Das Kerngeschäft bleiben Serien-Formate, verzahnte Mehrteiler, die sich daheim wie unterwegs häppchenweise oder als mehrstündige Klötze („Binge Watching“) abarbeiten lassen.

Damit ist Netflix schon in der Umgangssprache angekommen: „Netflix & chill“ meint, etwas zu zweit zu gucken und vielleicht miteinander rumzumachen. Das klingt verspielt, aber geschäftlich funktioniert das für Netflix. Dem Kino jedoch, einst Grundstein für das Internet-Warenhaus Amazon wie für die Ex-Videothek Netflix, dem am globalen Markt der inhaltliche Wagemut und in Hollywood das präzise Erzählen abhanden kommt, hilft es nicht.