Thomas Wodianka und Aleksandar Radenkovic in „Small Town Boys“. 
Foto: Thomas Aurin

BerlinDas Theaterportal Nachtkritik.de führt gerade einen existenziellen Kampf gegen die Corona-Pandemie. Die Website bietet seit über zehn Jahren im Kern frühe Online-Kritiken, die am Morgen nach der Premiere schon zu lesen sind – und zwar auch aus Gegenden, in die sich lange kein Kulturjournalist mehr verlaufen hat. Darüber hinaus machen Meldungen aus dem Theaterbereich, Kritikenzusammenfassungen, Presseschauen, ein großes Achiv, ein Lexikon und eine anonyme Kommentarspalte für direktes Feedback das Portal zu einem umfangreichen Online-Feuilleton.

Nun gibt es aber keine Theaterpremieren mehr – auch nicht in den letzten Winkeln der Provinz – und damit nichts zu kritisieren und zu diskutieren. Außerdem haben die meisten Theater ihre Anzeigen storniert. Der Einnahmeausfall wird nicht lange zu kompensieren sein, das Portal ist auf Spenden angewiesen. Dass der Vorhang dennoch nicht gefallen ist, liegt erst einmal daran, dass Nachtkritik.de zu einem Forum für Kulturschaffende geworden ist, das nun auch in der Not gefragt ist und als Informationsanlauf- und -austauschstelle fungiert. 

Geteilte Gegenwart

Natürlich ist Nachtkritik.de auch beim Streaming mit dabei, das bei internetaffinen Theaterfreunden ohnehin ein Thema ist. Deren große Stunde scheint jetzt überall zu schlagen, die Theater senden ihre Inszenierungsaufzeichnungen, öffnen virtuelle Diskussionsforen, Schauspieler lesen Kinderbücher vor oder produzieren kleine Filmchen und so weiter. Bei so manchem Zuschauer führt das aber nur zu verstärkten Einsamkeitsgefühlen. Es fehlt, selbst soziophobische Theaterkritiker müssen das zugeben, die in Zeit und Raum mit einer Gemeinschaft geteilte Gegenwart.

Am Sonntag bekam man nun auf Nachtkritik.de die Anwesenheit von Mitzuschauern zu spüren – auch von solchen, die einem prompt auf die Nerven gingen. Gestreamt wurde Christopher Rüpings 2018 zu Theatertreffen eingeladene Brecht-Inszenierung „Trommeln in der Nacht“.

Ein mittelgroßer Zuschauersaal

Auf Vorschlag des Regisseurs richtete Nachtkritik.de ein Fenster ein, in dem die Zuschauer live Kommentare eintippen konnten; der Regisseur selbst stand Rede und Antwort, soweit er hinterherkam. Er selbst gab das Kommando zum halbwegs synchronen Starten des Streams. Ein paar hundert Leute, also ein mittelgroßer Zuschauersaal, waren in diesem Fenster miteinander verbunden, grüßten einander, fragten, deuteten, brachten Kenntnisse und Pointen an, spotteten, lobhudelten und wollten sich am Ende kaum mehr trennen.

Ein schönes Durcheinandergeplapper, das in einem analogen Theatersaal sofort und zurecht niedergezischt worden wäre. Es geht bei diesem Live-Stream-Chat-Theater eben weniger um das Bühnengeschehen, sondern mehr um sein zumindest zeitlich geteiltes Erlebnis selbst. Am Mittwoch steht Falk Richters „Small Town Boy“ auf dem Nachtkritik-Spielplan.