Berlin„Don’t forget about us“ steht auf einem weißen Schild vor dem Berliner Club Gretchen. Sonst ist an dem einst umtriebigen Kreuzberger Ort nicht viel zu sehen. Seit Beginn der Corona-Pandemie wirkt es hier, wie vor den restlichen Berliner Veranstaltungsorten, wie ausgestorben. Der „Vergiss uns nicht“-Slogan ist folglich mehr als eine seichte Erinnerung an Berlins blühende Kulturlandschaft, es ist ein Weckruf: Wer nicht hilft, verliert beliebte Kulturinstitutionen und etliche Künstler. Ein Szenario, das sich Berliner Kulturschaffende wie Beat Halberschmidt und Jean-Paul Mendelsohn nicht vorstellen wollen.

Der 49-jährige Halberschmidt ist Bassist, Komponist, Produzent. Er ist für Musiker wie den deutschen Rapper Marteria tätig und gründete vor sieben Jahren die Eventinformationsplattform Ask Helmut. Der 32-jährige Mendelsohn hat 2014 das Berliner XJazz Festival mitgegründet, mehrere Veranstaltungen organisiert sowie an digitalen Lösungen für Ticketsysteme gearbeitet. Er lernte Halberschmidt kennen, als er vor ein paar Jahren eine Werbefläche für XJazz suchte. Wie auch Mendelsohn legte Halberschmidt mit Ask Helmut auf interessante Künstler Wert, die neben massentauglichen Musikern übersehen oder vergessen werden.

Die beiden kamen also ins Geschäft und fanden sich im letzten Jahr für eine neue Idee zusammen: berta.berlin. Ein gemeinnütziges Onlineportal, das ausgewählte Konzertmitschnitte von Künstlern und Veranstaltungen in Berlin sammelt. Hier bildet sich die vielschichtige und aufstrebende Szene ab, die die Hauptstadt beherbergt. Dass die Szene schon dank der örtlichen Berichterstattung zahlreicher Berliner Medien beobachtet wird und es von Konzertvideos im Internet nur so wimmelt, darauf gehen die Gründer nicht direkt ein. Halberschmidt ist sich sicher, dass ihr Material qualitativ besser sei, die Sammlung auf dem Portal der Orientierung diene sowie zum Entdecken einlade. Er demonstriert die Idee hinter berta.berlin mit Mendelsohn im Club Gretchen.

Vor der Pandemie filmten sie auf einigen Berliner Konzerten

In dem kleinen Veranstaltungsraum neben der Tanzfläche haben sie eine Bühne errichtet: riesige Boxen entlang der Wand aufgestellt, Mikrofone und einige Scheinwerfer platziert. Musiker können hier ohne Publikum ein durchgehendes Set spielen, das Halberschmidt 30 Minuten lang mit einer Kamera aufnimmt. Inspiriert von Sebastian Schippers Spielfilm „Victoria“, wie er sagt, sind Kamerabewegungen und Set improvisiert, die Aufnahme schneidet er nicht. Halberschmidt verspricht sich dadurch einen authentischen Konzertmitschnitt, den Bands verwenden dürfen und der Zuschauern Lust auf die Musik machen soll.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Willkommen am Set: Hier spielen die Bands im Club Gretchen live – ohne Publikum.

„Bei Ask Helmut hatten wir oft Konzertempfehlungen, bei denen ich mir dachte, dass es besser wäre, die genannten Künstler live zu sehen und zu hören, anstatt nur über sie zu lesen“, erzählt Halberschmidt. Videos wären hierfür die Lösung, zudem war er angetan von den bekannten „Tiny Desk“-Konzerten des amerikanischen Hörfunknetzwerks NPR, bei denen Künstler auf kleinem Raum live spielen. Ginge es nach Halberschmidt und Mendelsohn, würde berta.berlin genauso erfolgreich werden.

Vor der Pandemie filmten sie auf einigen Berliner Konzerten, mit dem Beginn fanden sie bei Lars Döring im Club Gretchen dann eine Location, die sie langfristig mit nutzen wollen. Hier soll vor allem in Zusammenarbeit mit dem Club die Serie „Living In A Box“ entstehen, die nur Aufnahmen von dort zeigt. Mithilfe von Medienpartnerschaften sowie Förderungen vom Musicboard Berlin und der Initiative Musik wollen sie dann Einnahmen generieren, die sie mit dem Club und dem Künstler teilen. 70 Prozent gehen dabei an die Band, 15 an die Location. Ein Modell, das besonders in der Pandemie an Reiz gewinnt. Während es im Internet von Videos, Livestreamings und Portalen wimmelt, bleiben die meisten Berliner Veranstaltungsstätten leer, die lokalen Künstler ohne Gage. Mendelsohn und Halberschmidt holen, wenn auch nicht in Echtzeit und physisch, Bands und Besucher in den Club. Konzerte von den Electro-Fricklern Mononoke und der Jazz-Band Still In the Woods lassen sich so wirklich gut und hautnah von der heimischen Couch erleben.

80 Videos haben Mendelsohn und Halberschmidt seit ihrer Gründung vor einem Jahr realisiert. Während das Coronavirus vielen Start-ups die Entwicklung erschwerte, sehen sich die Macher durch die Pandemie befeuert. „Wir dachten zu Beginn, dass es eine Weile dauern würde, bis wir nur annähernd Fuß fassen würden, doch binnen kurzer Zeit haben uns einige Medien und Künstler kontaktiert“, erzählt Mendelsohn.

Auf der Website von berta.berlin sind zehn Partner gelistet, wozu sich Deutschlandfunk Kultur und das Kulturkaufhaus Dussmann zählen, auf dem Instagram-Kanal finden sich nur rund 500 Follower, auf der Facebook-Seite 2.500. Doch die Gründer sind überzeugt, dass ihre kuratierte Auswahl an Konzerten ihr Publikum finden wird. In jedem Fall sorgen sie dafür, dass eine Kulturszene nicht in Vergessenheit gerät.

Weitere Infos und Videos unter: www.berta.berlin