Er ist wahrscheinlich das älteste Wandgemälde Berlins: der riesige, verblichene Baum, den Ben Wagin 1975 am S-Bahnhof Tiergarten an eine Hausfassade malte. Der Baum schreit, als habe er Schmerzen, ein Auspuff zielt auf ihn. Es war die Zeit, als der Umweltschutz auf die Agenda rückte. Auch in diesem Winter war der Aufschrei groß, denn es wurde bekannt, dass der „Weltbaum“ verschwinden soll. Hinter einem Neubau für Büros. 32 Meter hoch.

Damit wollte sich die urbane Kunstszene, allen voran der Schöpfer, nicht abfinden. Ein Weg sollte her, den Baum umzupflanzen – nun ist er gefunden. Am 5. Mai wollen Künstler einen neuen „Weltbaum“ neben der Kulturfabrik in der Lehrter Straße enthüllen. Damit setzen sie gleichzeitig den Startschuss für ein Graffiti-Festival, das im Mai Dutzenden Wänden in der ganzen Stadt einen neuen Anstrich verpassen wird.

Umsonst und draußen

„Nackenstarre garantiert“, verspricht das „Berlin Mural Fest“ auf seiner Facebookseite. Es will die Berliner zum Hochgucken animieren. Denn rund 100 Künstler aus aller Welt lassen im Mai an Brandwänden und Hausmauern urbane Gemälde entstehen, sogenannte „Murals“. Prominente Namen wie die Berliner Klebebande, Case Maclaim aus Frankfurt oder der Spanier Aryz sind vertreten.

Dahinter stecken die Dixons, jene Berliner Spayergruppe, die vor gut einem Jahr die spektakuläre temporäre Graffitischau The Haus in der Nürnberger Straße auf die Beine stellte. Die Überschüsse des damals gegründeten Vereins Berlin Art Bang finanzieren nun zusammen mit Senatsgeldern das Equipment und die Logistik für das neue Großprojekt. Während Besucher im vergangenen Jahr mehrere Stunden anstanden, um die urbane Kunst in dem abrissreifen Bankgebäude zu sehen, ist die Streetart jetzt dauerhaft zugänglich. Dort, wo sie herkommt: auf der Straße. Umsonst und draußen.

App als Wegweiser 

„Ich schätze, es werden etwa 80 oder 90 Kunstwerke entstehen“, sagt Kimo von Rekowski, der mit seinem Kumpels Jörn Reiners und Marco Bollenbach die Dixons bildet. Seit Dezember verhandelt das Trio mit Hausverwaltungen und Eigentümern über die Flächen. Die meisten Projekte genehmigten die Verantwortlichen in Friedrichshain und Kreuzberg, doch auch im Rest der Stadt färben sich Wände.

Eine Karte zeigt alle Murals, die während des Festivals entstehen. Sie ist in einer App hinterlegt. Dort soll auch die Entstehungsgeschichte der Werke nachzulesen sein, wenn Neugierige die Smartphone-Kamera auf die Wand richten. Außerdem sind Kurzinterviews und Veranstaltungstipps zusammengestellt. Höhepunkt des Festivals ist eine Partyreihe am Pfingstwochenende. Am Moritzplatz, an der East Side Gallery und am Rosenthaler Platz werden von 14 bis 22 Uhr Bands spielen, Tänzer auftreten und Künstler mit der Sprühdose Bilder erschaffen.

Doch auch die Berliner können mitgestalten. Angeknüpft an das Mural Fest wird vom 7. bis zum 10. Mai vor dem Hauptbahnhof der Schriftzug „#FREIHEITBERLIN“ in Farbe getaucht. Noch bis zum 13. April können Kreative ihre Designvorschläge für einen Buchstaben auf der Website be.berlin.de einreichen. Die Letter sind Teil der gleichnamigen Kampagne, die die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner im vergangenen Jahr etablierte.

Honorare für Künstler

Damals blieb der Spott nicht aus, Nutzer posteten in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #FreiheitBerlin auch Fotos von vermüllten Gebüschen oder überteuerten Wohnungsangeboten. Zu solchen Assoziationen will sich Kimo von Rekowski nicht äußern. „Die Politik muss schauen, wie sie die Probleme in den Griff kriegt“, sagt der 33-Jährige. „Wir wollen unser Ding machen und halten uns da zurück.“ Für das Stadtmarketing vor den Karren gespannt fühlt sich der Sprayer nicht. Eher sieht er die Zusammenarbeit, die sich seit The Haus intensiviert hat, als eine Möglichkeit, seiner Sache Anerkennung zukommen zu lassen, die ihr zuvor verwehrt blieb.

„Urbane Künstler leben oft von der Hand in den Mund. Beim Mural Fest können wir ihnen jetzt Honorare zahlen – nicht um sie zu kaufen, sondern, um ihre Arbeit wertzuschätzen.“ Für Kimo von Rekowski sind Streetart und kommerzielle Interessen kein Widerspruch. Die Zeiten, in denen Graffitikunst bloß nachts in dunklen Hausecken stattfand, lange vorbei.

„Schwachsinniges Geschmiere“

Das soll auch eine Ausstellung zeigen, die zum Ende des Mural Fests ihre Türen öffnen soll. Wo, das verrät von Rekowski noch nicht. Die Schau soll Einblicke in die Geschichte des Phänomens Graffiti in Berlin geben. „Für die freiheitsgebender Lebensinhalt mit Suchtfaktor, für die anderen schwachsinniges Geschmiere und nicht nachvollziehbares Risiko“, heißt es in der Beschreibung der Ausstellung. Fakt sei in jedem Fall, dass Wandgemälde ein kaum wegzudenkender Teil eines sich wandelnden Stadtbilds sind. „Die meisten Wände, die jetzt entstehen, sollen Bestand haben. Andere sind nur temporär, genau wie die Buchstaben am Hauptbahnhof“, erklärt von Rekowski.

Dass nun zumindest an einer Stelle ein Kunstwerk gerettet ist, freut vor allem seinen Schöpfer. Ben Wagin will am 5. Mai mithelfen, seinen „Weltbaum“ umzupflanzen. Er ist – und das beschreibt die lange Tradition von Graffiti in Berlin vielleicht noch besser als jede Schau – mittlerweile 88 Jahre alt.