„Chill mal Berlin“ – Street-Art-Gruppe klebt Poster und Sticker auf dem RAW-Gelände.
Foto: Volkmar Otto

BerlinWenn die Männer von „Chill mal Berlin“ über das RAW-Gelände laufen, dann betrachten sie wie viele andere Besucher die Street-Art an den Häuserwänden. Doch während für die meisten nach dem Anschauen Schluss ist, scannen die Ost-Berliner die Wände nach einem freien Platz – für ihre Kunst. An diesem Abend bleiben sie vor der Halle stehen, in dem ein Getränkeladen untergebracht ist. „Ick koof bei Lehmann!“ heißt es in rosafarbenen Buchstaben auf weißem Untergrund an der Fassade über einer Fensterfront. Und darunter eine schillernd bunte, vollgesprayte Wand. Dort, am oberen Ende der Wand unter den Fenstern neben dem weißen Plakat mit schwarzem „Blaw Blaw Blaw“-Schriftzug, wäre doch ein Platz.

Der 37-jährige Stefan (alle Namen sind von der Redaktion geändert) verstaut sein Feierabendbier in der Gesäßtasche seiner olivgrünen Hose und zieht mit der linken Hand eins von rund einem Dutzend Plakaten aus seinem Jutebeutel. Er rollt es auf. Abgebildet ist der Bruderkuss, den sich das Staatsoberhaupt der Sowjetunion Leonid Breschnew und der Vorsitzende des Zentralkomitees der DDR Erich Honecker 1979 anlässlich des 30. Jahrestags der DDR gaben. Das Bild wurde nach dem Mauerfall zum Symbol, als es vom Graffiti-Künstler Dmitri Wrubel mit der Unterzeile „Mein Gott, hilf mir diese tödliche Liebe zu überleben“ an die East Side Gallery gesprüht wurde. Doch das Plakat, das Stefan in seinen Händen hält, unterscheidet sich von der berühmten Vorlage: Statt eines Bruderkusses gibt Breschnew Genosse Erich einen „Shorty“: Im Mund hat er einen Joint mit der Glut nach innen, durch die Vorderseite pustet er Rauch, den Honecker inhaliert. Das Bild der kiffenden Politiker wollen die vier jetzt dort oben hinkleben. Etwas ratlos stehen sie auf dem Weg, der durch das RAW-Gelände führt und gucken auf die Wand. Denn der perfekte Spot ist ziemlich weit oben und daher außerhalb ihrer Reichweite. Was nun also? Erst mal Pause.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man den Unterschied. Aus dem Pfefferminzlikör wurde hier der Berliner Duft. 
Foto: Volkmar Otto

Niemand hat die Absicht eine Tüte zu bauen

Stefans Kumpel Bert setzt sich auf die Stufen einer Metalltreppe, die zu einem gegenüberliegenden Gebäude führt. Sein Feierabendradler stellt er neben sich ab. Vor knapp zwei Jahren saßen die Mittdreißiger schon mal auf einer Bank am Rummelsburger See und dachten darüber nach, wie sie sich nennen würden, wenn sie gemeinsam Kunst machen würden. „Wir haben uns alle schon immer für Street-Art interessiert, haben selbst aber nichts gemacht“, erklärt Bert. An jenem Tag aber haben sie Gedanken Taten folgen lassen. Und ihre eigene Kunst sollte eine Botschaft haben: die Legalisierung von Cannabis. Zu Beginn posteten sie Bilder von Joints auf Instagram, später gestalteten sie Sticker und Plakate mit berühmten Berliner Motiven und Persönlichkeiten. Da wurde die Berliner Luft zum Berliner Duft, Berliner Pilsener zu Berliner Chillsner und Walter Ulbricht erklärte, keine Absicht zu haben, eine Tüte zu bauen.

Zu ihren Motiven haben sie eine besondere Verbindung: „Wir alle haben die Wende erlebt, die Figuren haben uns geprägt“. Die Ost-Berliner kennen sich schon seit ihrer Kindheit in Berlin-Marzahn, einige von ihnen haben die gleiche Schule besucht, andere waren Nachbarn. Inzwischen wohnen sie über ganz Berlin verteilt. „Ost oder West – bei uns ist das kein Thema, es sollte auch keins mehr sein.“ „Chill mal Berlin“ wählen nicht nur Ostmotive: Mit dem „Ja man“-Aufkleber drücken sie zum Beispiel ihre Ablehnung gegen Nazis aus. Gerade planen sie einen Wowereit-Sticker.

Mit ihren Stickern und Plakaten bewegen sie sich irgendwo zwischen Kunst und politischer Kampagne. „‚Chill mal Berlin‘ haben ein Bewusstsein für den öffentlichen Raum“, sagt Mark Straeck vom Archiv der Jugendkulturen. Auch er habe gelacht, als er das Plakat von Honecker und Breschnew zum ersten Mal gesehen habe. „Dennoch scheint mir die politische Botschaft im Vordergrund zu stehen“, sagt Mark Straeck. „Chill mal Berlin“ selbst sehen das anders: „Wir sind zwar nicht Picasso, aber wir machen Kunst.“ Dazu gehören nicht nur die Motive, sondern auch die Aktionen an sich: Das Aussuchen der Orte, das Kleben und der Nervenkitzel. Dass illegales Plakatieren und Stickern nüchtern betrachtet schlicht als Sachbeschädigung abgetan werden könnte, verstehen sie: „Aber wir kleben ja nur an Orten, die eine Verbindung zur Street-Art haben, der Reichstag zum Beispiel wäre für uns völlig unattraktiv.“ Das sei auch in ihrem Interesse: Denn wenn man ihre Aktionen als Beschädigung wahrnehmen würde, würde man die Kunst nicht mehr sehen.

Die Pause auf dem RAW-Gelände ist vorbei. Stefan klettert auf einen Bauwagen, um sich die Europalette zu angeln, die auf dem Dach liegt. Die Palette lehnen die Plakatekleber gegen die Wand. Und während Stefan auf sie klettert, zieht Bert eine weiße Plastikflasche aus seiner Tasche: Statt des auf dem Etikett versprochenen Gurkenwassers beinhaltet sie Kleister. „Das muss möglichst unauffällig aussehen, wir wollen ja nicht erwischt werden“, erläutert er. Bisher sei das noch nicht passiert, von den Vorbeilaufenden am RAW-Gelände kümmert sich niemand um das Quartett. Den weißen Kleber verteilt Bert auf einer Malerquaste und reicht sie Stefan nach oben. Dieser streicht das Plakat des Bruderkusses solange ein, bis es an der Wand haftet und keine Luftbläschen mehr zu sehen sind. Noch ein Foto für die Community auf Instagram und fertig.

„In Berlin muss man eigentlich in kein Museum gehen.“

Inzwischen folgen ihnen 1070 Follower (Stand: Juni 2020) auf Instagram. Außerdem hängt eines ihrer Bilder im Hanf-Museum. „Aber in Berlin muss man eigentlich in kein Museum gehen. Wenn man bewusst durch die Straßen geht und die Stadt liest, ist das viel interessanter.“ Doch nicht nur in Berlin kann man ihre Kunst bestaunen: Die Sticker mit Einheitsmotiven kleben sogar in Indonesien, Thailand und Israel.

Ihre Community wächst. Um das zu feiern haben sie vor kurzem Masken verlost, auf denen ihr Name gedruckt ist. „Chill mal Berlin“ ist für sie eine Botschaft insbesondere während der Corona-Pandemie. Die Demonstranten der Hygiene-Demos „sollen lieber stickern gehen“, meinen sie. Eben ein ganz normales Hobby suchen, wie sie, „manch eener guckt Fußball, manch eener spielt Gitarre, wir kleben Sticker“.