Seitdem Kameras klein und tragbar sind, gehen Fotografen raus, fotografieren die Menschen auf den Straßen und Plätzen, in den Cafés, vor den Geschäften. Es geht um den perfekten Augenblick, das so flüchtige Zusammenspiel von Licht und Schatten, Szene und Kulisse, das in einem Foto zu einem Lebensgefühl wird.

Straßenfotografen dokumentieren so ihre Gegenwart: Der Franzose Henri Cartier-Bresson, Mitbegründer der Agentur Magnum, hat mit seiner Leica ein Panoptikum der 40er-Jahre geschaffen, Hildegard Ochses fotografischer Blick untersuchte das 70er-Jahre-Milieu im Schöneberger Café Mitropa, Bruce Davidson tauchte Anfang der 80er in das Biotop der New Yorker Subway ab.

Paulus Ponizak auf der Art Basel

Die Digitalisierung hat die Straßenfotografie revolutioniert. Seitdem es Fotoplattformen wie Flickr, Tumblr, vor allem aber Instagram gibt, erfährt das Genre ein Revival. Nie zuvor gab es eine derartige Sichtbarkeit, nie zuvor aber auch eine derartige Bilderflut. Seit 2012 wählt das Miami Street Photography Festival die besten Bilder von Straßenfotografen aus der ganzen Welt aus und zeigt sie auf der Art Basel, die in diesen Tagen in Miami gastiert.

Einer der Finalisten 2017 ist Paulus Ponizak, seit zwanzig Jahren Fotograf der Berliner Zeitung, auf Instagram postet er Bilder als @iso.null30. Seine Motive findet er auf seinen Streifzügen durch Berlin und überall sonst, wo es ihn hinverschlägt, für die Zeitung oder auf privaten Reisen, Ponizak hat immer mindestens zwei Kameras dabei.

Er selbst sieht sich nicht als Straßenfotograf. „Ich dokumentiere einfach das Leben um mich herum“, sagt er, „ich versuche, etwas über die Menschen zu erzählen.“ Seine Arbeiten wurden bereits in internationalen Fotomagazinen gezeigt.

Ein Bild in Miami

Das Bild, das nun in Miami zu sehen ist, hat Paulus Ponizak „Facing The Mountains“ genannt. Er hat es im Januar auf Instagram geteilt. Es zeigt eine junge Frau am Fenster, deren Blick in die Ferne geht, ihr Gesicht ist halb verborgen hinter  Vorhängen, in der Glasscheibe spiegelt sich die Sonne, die hinter einer Bergkette untergeht. Es ist ein  träumerisches Bild, das in Oberstdorf im Allgäu entstanden ist – mehr verrät der Fotograf nicht.

Ihm gefällt es, wenn seine Bilder rätselhaft bleiben, dem Betrachter Raum geben, sie mit einer Geschichte zu füllen. Das Motiv ist für Ponizak eher ungewöhnlich. Viele seiner Bilder zeigen alte Menschen, weil deren Gesichter ihn  faszinieren. „Jede Falte erzählt eine Geschichte über das Leben“, sagt Ponizak.

„Facing The Mountains“ ist  für einen Monat im History Miami Museum zu sehen, zunächst während der Art Basel, die an diesem Sonntag zu Ende geht, dann als Teil der Ausstellung zum  Street Photography Festivals erst in Miami und im kommenden Jahr auch in Mailand. Der Gewinner des Wettbewerbs in Miami wird an diesem Sonnabend verkündet.

Paulus Ponizak hat mit anderen Fotografen das Kollektiv inter-collective gegründet, das sowohl eigene Arbeiten vorstellt als auch die anderer Fotografen featuret.