Streik beim Berliner Staatsballett: Berliner Ballett-Streik ist bizarrer als GDL-Ausstand

Das Staatsballett streikt. „Dornröschen“ fiel aus und noch drei weitere Vorstellungen in den letzten Wochen, nur im Moment herrscht Frieden. Schon klar, die wenigsten Leser tangiert dieses Problem, das Leben geht weiter, auch ohne „Dornröschen“. Die Bahn fährt ja wieder. Und so weiß auch kaum jemand, worum es geht bei diesem Streik, zu dem sich die Tänzer des Staatsballetts erst nach gründlichem Zögern entschließen konnten. Es war der erste Streik überhaupt seit Gründung der Compagnie als eigenes Ensemble vor elf Jahren, und die Tänzer hätten lieber getanzt als rebelliert.

Der Grund für den Streik erscheint aber noch bizarrer als der Lokführer-Ausstand: Die Tänzer fordern nicht mehr Gage, sondern endlich einen Haustarifvertrag und dazu Verdi als Verhandlungspartner. Der Arbeitgeber weigert sich. Georg Vierthaler, Geschäftsführer des Staatsballetts, will die Dienstleistungsgewerkschaft keinesfalls an den Verhandlungstisch lassen.

Die Musiker haben es besser

Unterdessen hat er den Tänzern längst die Erfüllung wesentlicher Forderungen zugesagt, aber mit Verdi redet er nicht. Das ist, als würde die Bahn sagen: OK, die Lokführer bekommen mehr Geld und bessere Pausen, aber mit diesen Typen von ihrer Gewerkschaft wollen wir nichts zu tun haben. Wir nehmen lieber die Eisenbahnergewerkschaft, auch wenn da keine Lokführer drin sind.

Tatsächlich erklärt Georg Vierthaler, Verdi sei gar nicht zuständig für Künstler.

Nicht zuständig? Mehr als 90 Prozent der Tänzer des Staatsballetts sind Verdi-Mitglieder und zahlen dort ihre Beiträge. Nur ein oder zwei Tänzer gehören möglicherweise einer der Künstlergewerkschaften GDBA oder VdO an, also der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger oder der Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer. Diese verhandeln auf Bundesebene die Flächentarife für Künstler.

Verdi hat die Mitglieder und soll nicht zuständig sein? Sie vertritt freie Schriftsteller, Musiker, bildende und darstellende Künstler, verhandelte schon in den 90er-Jahren den Haustarifvertrag für das Friedrichstadt-Palast-Ballett, sie kann als Interessenvertreter gar nicht ausscheiden.

An dieser Stelle wird es erst richtig interessant, weil der Konflikt bloßlegt, wie unterschiedlich angestellte Künstler an deutschen Bühnen behandelt, also auch von ihren Gewerkschaften vertreten werden. Der krasseste Unterschied besteht zwischen Musikern und Tänzern, die an ein und demselben Opernhaus arbeiten. Den Musiker erwartet dort eine lebenslange Anstellung und hohe Gage. Ein Tänzer dagegen erhält nach acht- bis neunjähriger Ausbildung einen jährlich kündbaren Vertrag, kann mit viel Glück, also ohne Verletzung, mit einer Anstellung von höchstens 15 Jahren rechnen. Danach muss er sich einen neuen Job suchen – so ist der Beruf beschaffen, jeder Tänzer weiß das.

Und? Verdient die Ballerina dafür in ihrer kurzen aktiven Zeit mehr als der quasi-verbeamtete Musiker? Natürlich nicht. Meist ist es nur gut die Hälfte bei doppelter wöchentlicher Dienstzeit. Auch jeder Opernchorsänger verdient mehr. Dabei ist der Tänzer neben dem Akrobaten der einzige Künstler, der für seine schwebende Leichtigkeit auf der Bühne Knochenarbeit leistet, permanent körperliche Schmerzgrenzen überschreitet.

Allein dieses Künstler-Ranking unter einem Operndach sollte Grund genug sein, ohne Wenn und Aber hinter den Belangen der Tänzer zu stehen. Hochbezahlte Berliner Opernmusiker mit ihrer unfassbar mächtigen Orchester-Gewerkschaft im Rücken ließen in den vergangenen Jahren mal locker Vorstellungen ausfallen, um ihrer Forderung nach noch mehr Geld Gewicht zu verleihen. Nur für Tänzer blieb ein Streik bisher fast undenkbar. Angesichts ihrer kurzen Berufslaufbahn und latenter Kündbarkeit wollen sie eigentlich immer nur eins – auf die Bühne. Es ist also hohe Zeit, dass sie überhaupt mal Geschlossenheit zeigen und endlich einen eigenen Tarifvertrag verlangen. Aber der soll ihnen verwehrt werden.

So viele Ungerechtigkeiten

Georg Vierthaler, nicht nur Geschäftsführer des Staatsballetts, sondern gleichzeitig Generaldirektor der Opernstiftung, kennt jede Ungerechtigkeit. Er ist ein erfolgreicher und weitsichtiger Manager mit gewaltigen Erfahrungen in allen Bühnenbereichen, schließlich lenkte er zuvor schon die Geschäfte der Staatsoper und des Konzerthauses. Er kann auch mit Gewerkschaften umgehen. Verdi ist sein Tarifpartner für das nichtkünstlerische Personal an den Bühnen, also für Technik und Verwaltung, und dort ein keinesfalls einfacher Partner.

Verdi setzt die Tarife des Öffentlichen Dienstes an Theatern durch – darunter Bedingungen, die nicht gerade die künstlerischen Abläufe fördern. So darf etwa jeder Beleuchter eine ordentliche Bezahlung erwarten und einen ungeteilten Acht-Stunden-Tag mit angemessenen Pausen. Der Schauspieler und Gesangssolist dagegen arbeitet ohne Einschränkung so lange und so oft er gebraucht wird, und zwar bei einem Einstiegsgehalt von 1650 Euro brutto. Diese lächerliche Summe sieht der Tarif „NV Bühne“ vor, ausgehandelt von den Künstlergewerkschaften GDBA und VdO mit Rücksicht auf die allgemeine Geldnot der Theater. Wer mehr will, muss selbst verhandeln. Solche Unterschiede an einer Bühne, an der ja nicht Techniker und Controller die Hauptrolle spielen, machen nicht nur Freude. Ungerechtigkeiten, wohin man schaut. Doch soll man die einer starken Gewerkschaft anlasten?

Man bekommt einen Eindruck, warum die Tänzer des Staatsballetts fast geschlossen bei Verdi organisiert sind und nichts mit in einer schwachen Künstlergewerkschaft zu tun haben wollen, die Flächentarife wie „NV Bühne“ aushandelt. Denn Verdi kümmert sich um die Tänzer, zumindest in Berlin. Anders als die Künstlergewerkschaften bietet Verdi – etwa in Gestalt von Sabine Schöneburg – seit Jahren Ansprechpartner, die sich für Interessen der Tänzer einsetzen. Deshalb wenden sich Tänzer des Staatsballetts mit der Forderung nach ihrem Tarifpartner auch an die Opernstiftung.

Sie legen Wert darauf, bisher nicht für mehr Geld gestreikt zu haben. Die Eingangsgagen sind im März 2015 um satte 14 Prozent auf 3338 Euro gestiegen. Doch durchgesetzt wurden sie nicht etwa durch das beherzte Auftreten der braven Künstlergewerkschaften für ihre Klientel, sondern durch einen Verdi-Abschluss von 2010 für Mitarbeiter der Opernstiftung. Dem Gagensprung 2015 freilich war ein langjähriger Verzicht vorausgegangen, geschuldet der Konsolidierung der Stiftung.

Fairness für die Weltspitze

So nennt Georg Vierthaler die aktuellen Forderungen seiner Tänzer vor der Presse auch „niedrigschwellig“. Es geht darin um Pausen, Arbeits- und Ruhezeiten bei Reisen, die Erneuerung von Tanzböden und eine neue Gagenstaffelung, die das bisherige Günstlingssystem ersetzt. All dem stimmt der Arbeitgeber im Grundsatz zu.

Was genau hat nun Vierthaler gegen Verdi? Wieso nimmt er als Geschäftsführer Einnahmeverluste von 120000 Euro in Kauf? Er befürchte beim Einstieg von Verdi künftig „härtere“ Verhandlungen, auch um befristete Verträge, erklärt er. Er suggeriert, Verdi wolle für die 74 Tänzer unbefristete Verträge durchsetzen, was Schöneburg als bösartige Unterstellung zurückweist: „Niemand will Künstler-Beamte, nicht Verdi und schon gar nicht die Tänzer!“

Für Künstler der freien Szene in Berlin, deren Einkünfte mehrheitlich nicht bis an das Existenzminimum reichen, mag so ein Streik aussehen wie ein Gefecht auf Luxusniveau. Allerdings versammelt die Opernstiftung mit ihren drei Opernensembles und dem Staatsballett auch die Weltspitze der Künstler, subventioniert mit 125 Millionen Euro jährlich, kaum weniger als ein Drittel des Berliner Kulturetats. Da darf man erwarten, dass die Stiftungsführung bei der Verteilung des Steuergeldes unter den Künstlern ein Minimum an Fairness walten lässt.

Die Tänzer indes kann man nur beglückwünschen, dass sie sich endlich zur Artikulierung ihrer Interessen durchgerungen haben. Dass sie sich nicht mehr von den Musikern und ihrer Gewerkschaft belächeln lassen für ihre Duldsamkeit.