Berlin - Für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) sollte sie ein weiterer Beleg für Diversität und Vielfalt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sein. Die 28-jährige Berliner Ärztin und Journalistin Nemi El-Hassan ist intelligent und aufgeschlossen, eine modisch-attraktive Erscheinung. Damit schien sie bestens geeignet, fortan das Wissenschaftsmagazin „Quarks“ des Kölner Senders zu moderieren.

Aber es gibt andere Bilder, die zeigen sie mit Kopftuch auf einer Al-Quds-Demonstration in Berlin, eine von den iranischen Ajatollahs ins Leben gerufene Veranstaltung, die für ihre antisemitischen Parolen berüchtigt ist. Nemi El-Hassans Teilnahme liegt sieben Jahre zurück, sie war Anfang 20 und bewegte sich damals offensichtlich in aktivistischen Kreisen. In einem ebenfalls aus dieser Zeit stammenden Video spricht sie über den Dschihad als spirituelle Erfahrung, die sie von der kämpferisch-militärischen Bedeutung des Begriffs unterschieden wissen möchte. Kritiker werfen ihr nun vor, auf diese Weise islamistischen Terrorismus relativiert zu haben.

Ironische Bezugnahme auf den Dschihad

Nemi El-Hassan hat sich von ihren früheren Aussagen distanziert, sie sei heute nicht mehr die Person von damals. Das reicht zur Beschwichtigung allerdings nicht mehr aus. Der WDR hat den für November geplanten Start der Moderation El-Hassans von „Quarks“ vorerst ausgesetzt.

Die Verwandlung jugendlicher Haltungen zum politischen Islam lässt sich ganz gut an Nemi El-Hassans beruflicher Karriere ablesen. Sie schrieb für die taz, den Tagesspiegel und Die Zeit. Mit anderen betrieb sie auf YouTube den Satirekanal „Datteltäter“, der auf lustige Weise über den Islam aufklären und Islamfeindlichkeit entgegenwirken wollte und ironisch als Bildungsdschihad bezeichnet wurde.

Die Debatte um Nemi El-Hassan stempelt sie nun als unsichere Kantonistin ab. Tatsächlich steht der Streit um sie für die wechselseitig schwierige Ankunft von Menschen mit Migrationshintergrund in der gesellschaftlichen Wirklichkeit.