Streit ist gut, denn im Streit lässt sich lernen. Der Monolog ist kein gutes Erkenntnisinstrument. Ein erbitterter Streit entzündete sich zuletzt an einem Treffen der Schriftsteller Uwe Tellkamp und Durs Grünbein in Dresden, der sich ins Grundsätzliche ausgeweitet hat, worüber wiederum zu streiten ist.

Franz Sommerfeld hat in dieser Zeitung eine „weitgehend kollektive Verurteilung“ Tellkamps beklagt. „Wer sich öffentlich äußert“, so auch Ulrich Greiner in der aktuellen Zeit, „möchte als seriöser Gesprächspartner wahrgenommen werden.“ Stattdessen werde er verächtlich gemacht, abqualifiziert, absichtsvoll missverstanden. Das ist nicht richtig, gerade Tellkamp hat in der Debatte viele Fürsprecher gefunden. Aber darum geht es im Kern nicht.

Es geht darum, dass jeder Streit eine seriöse Grundlage braucht. Tellkamp hat aber, wie absichtlich auch immer, mit falschen Tatsachen argumentiert, vor allem in seiner Aussage, kaum ein Flüchtling, der nach Deutschland komme, sei verfolgt, sondern Wirtschaftsmigrant; 95 Prozent wanderten in die Sozialsysteme ein.

Man hat es hier nicht mit ein „paar Zuspitzungen“ und „fragwürdigen Zahlen“ zu tun, wie Greiner unterstellt. Es geht dabei nicht um Zahlen, sondern um Menschen, die mit solchen Aussagen absichtlich ausgegrenzt, auf einen niederen Platz verwiesen werden. „In unserer Streitkultur hat die Zahl der Platzanweiser zugenommen“, kritisiert Greiner allerdings gerade diejenigen, die solche Diskreditierungen nicht dulden wollen.

Angst vor der Leere der eigenen Person

Der „Vertrauensvorschuss“, den jede Debatte braucht, wird hintergangen, wenn man mit falschen Fakten hantiert. „Meinung muss auf Fakten gegründet sein“, hat Hannah Arendt einst angemerkt, andernfalls sei Meinung eine Farce. Das ist noch immer richtig, denn im Rahmen einer Farce kann es keinen sinnvollen Streit geben. Wenn mein Partner von mir Respekt einfordert, ich ihn aber anlüge, ist die Antwort „Ich respektiere, dass du mich anlügst“ ein sinnloser Satz, sinnlos, weil er keine zukunftsstiftende, vertrauensfördernde Perspektive eröffnet. 

Deshalb wird in dieser Debatte so viel von Angst gesprochen. Die Angst davor, einer politischen Richtung zugeordnet zu werden, vor allem aber die Angst vor der Leere der eigenen Position. Sie scheint auf der konservativen Seite stärker ausgeprägt zu sein, vielleicht auch, weil man sich ihrer hier bewusster ist. Der Konservatismus hat immer von der Überzeugung gelebt, dass das Neue unter Begründungsdruck steht, nicht das Bewährte. Man kann es auf die Formel bringen, die Martin Mosebach mit Blick auf die Katholische Kirche geprägt hat: „Ihr schieres Alter spricht für sie.“

Was sich aber bewährt hat, lässt sich in unserer zersplitterten Gegenwart immer schwerer bestimmen. Die Geschichte hinterlässt ohnehin keine eindeutigen Botschaften. Je genauer man hinschaut, desto deutlicher treten die Ambivalenzen in Erscheinung. Man kann Goethe nicht loben, ohne auf sein merkwürdiges Frauenbild einzugehen. Man kann Luther nicht preisen, ohne an seine antisemitischen Schriften zu denken, Marx nicht, ohne an dessen Entehrung durch den Stalinismus.

Es gibt kein Christentum ohne die Kreuzzüge, es gibt auch keinen Islam ohne den Missbrauch durch Terroristen. Es gibt generell keine reine Vergangenheit, nichts, das sich ohne Abstriche feiern ließe. Das stete Anrufen der Vergangenheit wird damit zur Beschwörung einer Leerstelle. Die Krise des Konservatismus ist eine Sinnkrise, sie kreist um die Frage, was es zu bewahren gilt, was nicht. Jede formelhafte Antwort darauf weicht dieser Frage aus. Ein lebendiger Konservatismus prüft dagegen den Kanon des zu Bewahrenden, mit offenem Ausgang.

Streit um eine Idealvorstellung

Es kann sich, zum Beispiel, dabei auch erweisen, dass Goethe als Denkmalsteher nicht mehr taugt. Der Konservative fürchtet sich davor nicht, er übt sich in Genauigkeit, liest, liest wieder, verwirft, findet im Zweifel anderes, das es zu bewahren gelte. Solcher Konservatismus ist allerdings eine Fehlanzeige derzeit: Es herrscht die Angst vor bloßem Verlust. Angst ist immer anfällig für Instrumentalisierung, entsprechend wird die Leerstelle von Ideologien besetzt.

Sie betreiben das gefährliche Spiel einer rückwendigen Utopie, die Zygmunt Bauman „Retrotopia“ nennt: gesellschaftliche Verbesserung in einem „halbvergessenen Gestern“ zu suchen, einer Vergangenheit, die nie stattgefunden hat. Man sieht es am deutlichsten beim Streit um den Begriff Heimat: Es ist der Streit um eine Idealvorstellung, die keine materiale Grundlage hat. Endlich soll es wieder werden, wie es nie gewesen ist. 

Rechtsradikale wollen nichts bewahren

Im Grunde müssten gerade die Konservativen entschiedene Gegner aller rechtsradikalen Tendenzen sein. Dass es so nicht ist, verdeutlicht das Elend des Konservatismus: Er begeistert sich nur für die Erhaltung des Bewahrungswürdigen und nicht für das Bewahrungswürdige selbst, er verteidigt das Verteidigen als solches. 

Gefährlich ist diese Entwicklung vor allem deshalb, weil längst auch die Demokratie zur Debatte steht – die rechtsradikale Auslegung des Konservatismus stellt die Grundlage jeder Debatte und jeder Vergangenheitsverständigung in Frage. Rechtsradikale wollen nichts bewahren, kein Gespräch, kein Aushandeln, sie wollen die Macht. Auch das muss man wissen, wenn man nach Respekt ruft. Und das nicht wissen zu wollen, steht unter vorsätzlichem Naivitätsverdacht. Oder, wie die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan sagt: „Der Fuchs ist im Hühnerstall, und die Gockel sagen: ‚Regt euch ab‘.“