Die Kommissare Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen).
Foto: MDR/Steffen Junghans

WeimarDer „Tatort“ aus Weimar gibt sich ja stets traditionsbewusst: So wird hier nicht nur das lustvolle Kalauern gepflegt, sondern auch die Thüringer Folklore launig präsentiert. Nachdem die Kulinarik mit Kriminalfällen über Bratwürste und Klöße durchgekaut wurde, widmet sich „Der letzte Schrey“ nun der Textilbranche, genauer gesagt: dem Stricken. Wie in früheren Ausgaben wird zunächst die Produktionsmethode expressiv aufgearbeitet – eine Perkussionseinlage und eine harte Bildmontage ahmen das Geklapper der Strickmaschinen nach. Dabei stehen die Maschinen bald still, die Firma Schrey vorm Konkurs. Die Besitzer residieren aber immer noch in einer mondänen Villa und werden von einem jungen Paar mit dem Fleischhammer überfallen (Sarah Viktoria Frick und Christopher Vantis). Die hysterische Strick-Chefin (Nina Petri) wird erschlagen aufgefunden, der ruhigere Gatte (Jörg Schüttauf) entführt. Das Entführerpärchen wirkt zunächst so brutal wie die Helden aus Oliver Stones „Natural Born Killers“. 

Doch bald zeigt sich, dass ihnen für eine ausgeklügelte Entführung die „intellektuelle Grundausstattung“ fehlt, wie Kommissarin Dorn (Nora Tschirner) gewohnt lakonisch feststellt. Dies gilt auch für ihren uniformierten Kollegen, den Polizisten Lupo: Arndt Schwering-Sohnrey verleiht ihm die staunende Naivität eines Vierjährigen, was leider dazu führt, dass er immer mehr zum wandelnden Polizistenwitz wird. 

Der Fall, den Stammautor Murmel Clausen noch mit seinem langjährigen Co-Autoren Andreas Pflüger erdacht, nach dessen Ausstieg aber allein zu Ende stricken musste, besitzt aber weder den Wortwitz noch die trickreiche Verrätselung früherer Fälle. Regisseurin Mira Thiel, neu im Genre, darf dafür möglichst absurde Situationen in Szene setzen: So watet Kommissar Lessing (Christian Ulmen) durch eine Jauchegrube, um ein Telefon mit Wählscheibe zu retten, tritt dabei aber auf eine versenkte Leiche. Auch die Geldübergabe via Sportflugzeug gehört zu den raren Höhepunkten – natürlich landet der Geldkoffer am Fallschirm in der Starkstromleitung.

Nach solchen luftig leichten Einlagen wandelt sich der Film im letzten Drittel leider zu einer Seifenoper, die vor Pathos nur so trieft und zur Parodie gerät – ohne dass man darüber lachen könnte. Jörg Schüttauf als Vater Schrey und Julius Nitschkoff als Sohn Schrey müssen plötzlich ein schweres Familiendrama aufführen – besonders wohl scheinen sie sich dabei nicht gefühlt haben. „Der letzte Schrey“ zeigt, dass der Weimarer Krimi schon längst nicht mehr der letzte Schrei in der „Tatort“-Landschaft ist – die Strickmuster sind abgenutzt, andere Autoren sollten eine Chance bekommen.

Tatort: Der letzte Schrey – Mo, 1.6., 20.15, ARD