Im Juni 1968 gehörte Helmut Lethen zu einer Gruppe von Studenten, die aus Protest gegen die Notstandsgesetzgebung das Institut für Germanistik in der Boltzmannstraße besetzt hielten. Alles sei tierisch ernst gewesen, schreibt Lethen in seinen nun erschienenen Erinnerungen, bis die Kommune I Einzug hielt. Die Belegschaft der berühmtesten deutschen Wohngemeinschaft rückte mit riesigen Lautsprecheranlagen an und beschallte damit den Campus. Der Auffälligste von ihnen, Rainer Langhans, griff urplötzlich ins Regal und warf ein schweres Buch ungezielt in Helmut Lethens Richtung. Der war ebenso überrascht wie empört: „Es war ein Band der Wieland-Ausgabe, ein Aufklärer wurde weggeworfen.“ Langhans focht die wertkonservative Erwiderung nicht an. „Ihr Analerotiker“, gab er zurück, und das sollte wohl heißen: „Ohne Papier bringt ihr nichts zustande.“ Wenn man das psychoanalytische Motiv abstreift, räumt Helmut Lethen ein, hatte er vielleicht nicht unrecht. Für ihre Besetzung hatten sich die Studenten ein geschütztes Terrain gewählt. „Unsere Gewaltphantasien fanden sichere Unterkunft in der Literatur, von Burckhardt bis Enzensberger.“

Es ist diese leise Selbstironie, die Helmut Lethens Rückbesinnung auf sein bewegtes politisches Leben, in dessen Mittelpunkt jene heißen Jahre stehen, in denen aus der Theorie gleich nebenan eine oft erschreckende Praxis hervorging, zu einem fortwährenden Lesegenuss machen. Mit einem, der dabei war, kann man eintauchen in jene miefige Arbeitsgruppenrhetorik, aus der jederzeit die Revolution loszubrechen vermochte.

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