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Drei Jahre nach dem „Großen Vaterländischen Krieg“, dem Sieg über Hitler-Deutschland, verdächtigte Stalin seinen treuen Gefährten Molotow der Verschwörung. Ende 1948 zwang Stalin ihn deshalb, sich von seiner Ehefrau Polina Schemtschuschina scheiden zu lassen; er hielt sie für eine zionistische Agentin. Und Molotow beugte sich. Er schrieb Stalin einen Brief und bekannte die „tiefe Schuld“, seine Frau nicht daran gehindert zu haben, sich mit „antisowjetischen jüdischen Nationalisten“ eingelassen zu haben. Es half ihm nicht. Er durfte nicht mehr mit Stalin zu Abend essen. Molotow erlitt einen Nervenzusammenbruch, als er davon erfuhr. Auch das half ihm nicht. 1949 verlor er sein Amt als Außenminister, 1952 verwies Stalin ihn aus dem Politbüro. Seine Frau wird in ein Lager gesperrt, Molotow sieht sie erst nach Stalins Tod 1953 wieder.

Verheerende Verwüstungen der Seelen

Für den Berliner Historiker Jörg Baberowski ist das eine typische Geschichte. Typisch für Stalin und den Stalinismus. Denn Stalins Herrschaft – schreibt er in seinem für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominierten Buch „Verbrannte Erde“ – orientierte sich am „Modell der Mafia“; es beruhte auf der „permanenten Erzeugung psychischen Drucks“, auf der „mentalen Zurichtung der Gefolgsleute“. Es lehrte die Gewalt – und führte zu „Gewaltorgien apokalyptischen Ausmaßes“. Millionen Tote, Millionen Gefangene, ein ganzes Volk in Angst und Schrecken – wie verheerend die Verwüstungen der Seelen, die Verformungen des Privat- und Familienlebens in der stalinistischen Sowjetunion waren, hat Orlando Figes 2008 in „Die Flüsterer“ eindringlich geschildert. Eindringlich ist auch das Buch von Baberowski. Aber er will das Terrorregime auch verstehen: Wie konnte das geschehen?

Stalin war ein Gewalttäter aus Leidenschaft

Erklären lasse es sich einzig mit Stalin selbst: „Ohne ihn hätte es keinen Stalinismus gegeben, so wenig wie das System des Nationalsozialismus ohne Hitler denkbar gewesen wäre.“ Stalin: ein Intrigant, ein Verbrecher, ein Gewaltfanatiker. Selbst Lenin hat in ihm einen Grobian und eine Gefahr für die bolschewistische Partei gesehen. Er setzte sich im Machtkampf nach Lenins Tod 1924 dennoch durch. Seit 1929, seit seinem 50. Geburtstag, verstummte alle Kritik innerhalb der Partei – und Stalin konnte die exzessive Gewalt zu seiner „Lebensform“ machen. Das ist die pointierte These dieses Buches: Stalin war ein „Gewalttäter aus Leidenschaft“. Ohne ihn hätte es keine „Säuberungsaktionen“, keine „Schauprozesse“ und nicht den „Großen Terror“ der Jahre 1937 bis 1938 gegeben. In „Stalins Sklavenstaat“ besaß er selbst laut Baberowski immer die „absolute Macht“ und war „jederzeit Herr des Verfahrens“. Der Tod des Despoten war deshalb auch das Ende des Stalinismus.

Gewalt auch ohne Stalin?

Baberowski ist nicht der Erste, der dies behauptet. Vor zwei Jahren erschien ein Essay des Stanforder Historikers Norman M. Naimark (Stalin und der Genozid, Suhrkamp 2010, 157 S., 16,90 Euro), in dem es heißt, „dass Stalin für die Massenmorde in der damaligen Zeit voll verantwortlich war“. Und seit einer hervorragend kommentierten Quellensammlung, die von deutschen, russischen und ukrainischen Forschern 2010 vorgelegt wurde, weiß man auch, dass das System Stalin selbst in entlegenen Provinzen seine volle Gewalt entfaltete (Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938, Akademie Verlag, Berlin 2010, 729 S., 39,80 Euro). Diese Forschergruppe dokumentiert dies anhand der Massenaktionen aufgrund des berüchtigten Stalin-Befehls No. 00447; mit ihm wurde der „Große Terror“ eingeleitet. Auch sie lässt keinen Zweifel daran, dass es den Terror ohne Stalin nicht gegeben hätte. Auf die „letzten Fragen nach den Gründen und Motiven“ geben sie aber ausdrücklich keine Antwort – weil sie sich aus den Quellen „bestenfalls vordergründig“ beantworten ließen.

Eine „Ordnung dauerhafter Gewalt“

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Für Baberowski ist die Antwort dagegen eindeutig: Es war Stalin, „der die Dekonstruktion unablässig ins Werk setzen ließ, weil er sich davon eine Totalisierung seiner eigenen Gewalt versprach“. Auch er weiß zwar, gerade in Bezug auf den Befehl No. 00447, dass der Terror in den Regionen verschieden ausfiel. Aber das ändere nichts am Gesamtcharakter des Stalinismus: Er war eine „Ordnung dauerhafter Gewalt“, die von einem „Psychopathen“ installiert wurde. Anders als Naimark jedoch, der den Stalinismus als bloße Krankengeschichte Stalins zu begreifen scheint, kennt Baberowski sehr genau die Vorgeschichte und Rahmenbedingungen, die einen wie Stalin zum Diktator werden ließen. Den Bürgerkrieg Ende der 20er-Jahre schildert er als Generalprobe für den Stalinismus; und die Uneinigkeit unter den Gegnern der Bolschewiki habe diesen erst die Chance auf die Errichtung eines „kasernierten Sozialismus“ ermöglicht. Im Streit darum, welcher Weg hierfür der beste ist, beginnt Stalins Aufstieg. Und er erwies sich dabei als „Meister der Intrige und des Spiels mit der Macht“. Nichts deute darauf hin, dass er ein Täter war, der „ideologischen Zwängen“ gehorchte. Er war vielmehr ein Mörder, dem das Morden „Freude bereitete“.

Ordnung durch Terror? Unfug!

Das ist erstaunlich. Vor neun Jahren hat Baberowski mit „Der rote Terror“ eine Geschichte des Stalinismus vorgelegt, in der er noch in eine andere Richtung argumentierte. Ein viel beachtetes Buch damals, das er vor zwei Jahren für eine Übersetzung ins Englische noch einmal durchsehen wollte. Aber je mehr er las, desto weniger gefiel es ihm, bekennt er jetzt im Vorwort: „Es soll Historiker geben, die ihr Leben lang an Meinungen festhalten und sie in den Rang ewiger Wahrheiten erheben.“ Baberowski gehört nicht dazu. Im „Roten Terror“ hatte er sich von Thesen des Soziologen Zymunt Baumann leiten lassen. Das „Streben nach Eindeutigkeit, die Überwindung von Ambivalenz und die Ordnungswut“ des Staates sind Baumann zufolge die Ursachen für die monströsen Vernichtungsexzesse des Stalinismus. „Ordnung durch Terror“: Das erschien Baberowski seinerzeit eine „schöne Idee“ zu sein; heute hält er sie für „Unfug“.

Stalin war „Urheber und Regisseur“ des stalinistischen Terrors

Inzwischen nämlich liegen Dokumente vor – die Quellensammlung zur Umsetzung von Befehl No. 00447 etwa –, die für Baberowski keinen Zweifel daran lassen, wer „Urheber und Regisseur“ des stalinistischen Terrors war: Stalin eben. Was Baumann als ein Projekt der Moderne beschrieben habe, treffe auf die Machtpraktiken in der stalinistischen Sowjetunion nicht zu. Also hat Baberowski nicht sein früheres Buch überarbeitet, sondern ein neues, in der Tat besseres, weil genaueres geschrieben, „Verbrannte Erde“, ein Buch über „Stalins Herrschaft der Gewalt“. Dennoch ist es keine Stalin-Biografie, sondern eine historische Studie über die Frage, wie es möglich wurde, dass einer wie Stalin zum Diktator werden konnte – und wie er sich so lange an der Spitze der Partei hat halten können. Ein material- und kenntnisreiches, dabei immer gut lesbares Buch, mit dem Baberowski überzeugend seine eigene Widerlegung betreibt.