Berlin - Kulturstaatssekretär Tim Renner in eigener Person besuchte am Sonnabend eine Premiere in der Schaubühne. Das klingt sensationeller, als es ist. Aber wir befinden uns ungefähr im drittletzten Kapitel eines städtischen Theaterstreits und können noch nicht zum Eigentlichen, also dem Geschehen auf der Bühne, zurückkehren ? auch wenn es im Fall von Marius von Mayenburgs „Stück Plastik“ dem Geschehen im Kulturbetrieb aufs Haar ähnelt. Es handelt sich um eine rundum lobenswerte, im gehobenen Bürgertum angesiedelte Selbstvergewisserungskomödie. Dazu später.

Renner hat das Ende von Frank Castorf als Volksbühnenintendant für Sommer 2017 und dessen Nachfolger, den zur Zeit als Museumsdirektor in London tätigen Kurator Chris Dercon, durchgesetzt. Am Donnerstag wurde die Personalie bestätigt, am Freitag stellte der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller den Mann der Presse vor und dieser zauberte fünf Künstlernamen und den einer Programmdramaturgin aus dem Hut. Wir berichteten. Diese Namensnennungen sowie ein paar Beteuerungen und Spielstättenideen wurden von verschiedenen Leuten auf verschiedene Weise ausgedeutet.

Viele sind neugierig, viele tragen Bedenken. Von einer neuen Theaterepoche ist die Rede, aber auch vom Dolchstoß gegen das traditionelle Ensemble-Theater. Die Kulturschaffenden, auch manche Künstler darunter, Funktionäre, Kritiker positionierten sich. Es kommt zu kleineren Scharmützeln, persönlichen Beleidigungen, ideologischen Alliancen und Grabenkämpfen, versehentlichen und inszenierten Missverständnissen, Begriffsstutzigkeiten und Machtkämpfen. Man bewirft einander mit Unmassen von gekochten Spaghetti und dann kommt jemand und sorgt nachhaltig für Ruhe. So kam es dann jedenfalls auf der Bühne. Dazu gleich.

Es war wirklich saukomisch

Im Gesamteindruck wirkte das zahlreich erschienene Fachpublikum mit vielen Kulturbetriebszugehörigen etwas blasser als sonst, aber auch aufgekratzt. Es wurde viel gekichert, das Entsetzen über den Niedergang der Kultur, über das Dilettantentum von Kulturpolitikern oder die Existenzängste von Kulturbetriebszugehörigen birgt hübsche Pointen. Noch schwärzer ist auch der Humor auf der Bühne. Doch noch sind wir im Parkett.

Tim Renner also nahm Platz, Reihe drei, als die meisten oben aufgezählten Streithähne schon saßen, darunter viele Anhänger des traditionellen Ensembletheaters, das in der Schaubühne immer noch betrieben wird, also mit festvertraglich gebundenen Menschen, die gemeinsam Schauspielkunst ausüben, an diesem Hause besonders jene Kunst des psychorealistischen Sichverstellens ? ein provozierend traditionelles Konzept. Alle schauten, was nun geschehen würde. Manche ängstlich, manche wütend, manche interessiert, sehr viele sehr verbindlich.

Small-Talk mit Herrn Renner ist derzeit schwierig. Schon die Frage, wie es ihm geht ist verfänglich. Jedwede Antwort lässt auf irgendwelche Absichten schließen, die in weiteren Bekundungen und Erklärungen richtig gestellt werden müssen, welche wiederum... Das wird alles so schnell so unübersichtlich, dass kein Mensch mehr durchsieht und notbremsehalber irgendwelche polemischen Schlussworte ruft. Der Leser kennt das von zu Hause.

So kam es, dass der Schauspieler Sebastian Schwarz zu Tim Renner sagte, mit der Euphorie der Überwindung in Aug und Stimme, dass manche Menschen eine „Müllverbrennungsanlage“ in sich trügen. Huch, wir sind ja doch schon mitten in der Nacherzählung von dem, was auf der Bühne stattgefunden hat. Herr Schwarz hatte sich ja längst in den Künstler Haulupa verwandelt, das Gesagte war natürlich Text. Nur als ob! Allerdings steht in dem Stück auch, dass Haulupa der Künstlername eines Mannes ist, der mit bürgerlichem Namen Sebastian Schwarz heißt und die Trennung von Kunst und Leben überwunden hat. Bei seinem Auftritt, für den er sich einen brotlaibgroßen Vollbart angeklebt hatte, lösten sich unter hysterischen Lachern erste Spannungen im Saal. Am Ende sollte es einen triumphalen Applaus geben. Es war wirklich saukomisch. Besonders für die, die sich in den handelnden Personen wiedererkannten und denen es, wenn es Gerechtigkeit gibt auf der Welt, bald ein bisschen an den Kragen geht. Das entsetzte Kichern vernahm man ja schon im Foyer.

Die Welt ist eine Vernissage

Die Ehe von Ulrike (Marie Burchard) und Michael (Robert Beyer) ? sie ist Haulupas persönliche Assistentin, er Arzt ? ist am Krachen. All die Mühen der Selbstverwirklichung, der moralischen Korrektheit, des Konsums, des Sexualfrusts und der Neurosenpflege. Ein Privatleben gibt es nicht, allerdings ist ein Sohn (Laurenz Laufenberg) und der Haushalt übrig. Darum soll sich Jessica Schmitt kümmern, die Haushaltshilfe. Diese Frau, gespielt von Jenny König, ist die einzige auf der Bühne, die sagt, was sie meint. Sie ist, Achtung Zauberwort: authentisch. Und sie ist in Halle geboren, „deutsches demokratisches Ostobst“, wie Haulupa sagt, der irgendwie auch authentisch sein will und deshalb keinen Schlüpfer unter dem Schottenrock trägt.

Wo ich bin, ist Kunst, ruft Haulupa alias Sebastian Schwarz. Er hat sich à la Lars Eidinger, der an der Schaubühne für die Shakespeare-Titelrollen zuständig ist, die Fingernägel schwarz lackiert. Der Kühlschrank ist Kunst, Essen, Sex und Sprechen ? alles hat mindestens eine Weltbedeutung mit politischem Anspruch. Deswegen darf er natürlich auch alles: Eier herumschmeißen, Frauen benutzen zum Beispiel oder N-Wörter. Alles ist Teil einer komplexen Performance, die Welt ist eine Vernissage.

Das kollidiert natürlich auf das Hübscheste mit dem bürgerlichen Heldenleben unserer modernen Eheleute. Aber nicht verwechseln: Es handelt sich um ein Stück in der Schau-, nicht in der Volksbühne. Und es ist eine pfiffige, bühnenbildnerisch aufgemotzte Mayenburg-Komödie, kein Castorf-Selbstporträt. Das Ensemble-Theater parodiert die Performance-Kunst. Und Tim Renner hat einerseits die Mechanismen von Debatten studieren können und darüber hinaus die etablierte Kulturbetriebsmittelschicht beim Lachen über ihren Dünkel erwischt. So ein Besuch im Sprechtheater, der kann ganz schön was!

Stück Plastik. 20. Mai (20.45Uhr) , 23.–25. Mai (20 Uhr) in der Schaubühne, Karten unter T.: 89 00 23