Kreuzberg - Drei. Zwei. Eins. Null. Wie muss sich das anhören? Also dann, wenn man eigentlich nichts hört, weil es ein Countdown in einem Film ohne Ton ist. Keine leichte Übung, selbst für einen, der ständig Stummfilme am Klavier begleitet.

Das tut Stephan Graf von Bothmer seit mehr als 20 Jahren – in Konzerten, die sehr populär sind. Jedes Mal komponiert er dabei streng genommen eine neue Filmmusik, denn keine Live-Begleitung gleicht exakt der anderen. Trifft man den Pianisten vor einem seiner Auftritte, erklärt er beredt, welche Szene welchen Klang brauchen wird, er kennt sie alle.

Ein Festival der Stummfilm-Klassiker

Und nun das: ein Countdown. Nur Zahlen auf der Leinwand, dann noch rückwärts. Stephan von Bothmer erläutert, wie er die Spannung steigen lassen wird, von leise zu laut, bis die Rakete abhebt – und er auf seinem Klavierhocker vielleicht gleich mit. Das glaubt man ihm sofort. Im Stummfilm „Frau im Mond“ von 1929 gibt es diese Raketenszene, dafür liebt von Bothmer das Fritz-Lang-Epos unter anderem. An diesem Sonnabend wird er es zeigen in der Kreuzberger Passionskirche. „Dieser Film“, sagt der Pianist, „nahm schon vor 90 Jahren die Mondlandung vorweg.“

Der Film über die Mondmission ist eine typische Bothmer-Mission. Eine Reihe der frühesten Science-Fiction-Filme überhaupt baut der Musiker in seine neue Konzertserie ein. Die „echte“ Mondlandung jährt sich 2019 zum 50. Mal, und 1929 gab es bereits eine in Babelsberg bei der Ufa – das passt, befand Bothmer. Er hat also nun die „Frau im Mond“ neben Stan & Ollie-Filmen im Programm, auch die „Kleinen Strolche“ und einen Sowjet-Kultfilm wie „Aelita. Flug zum Mars“ von 1924.

Bis Mitte März läuft sein Festival in der Kirche am Marheinekeplatz. Bothmer ist Produzent, Ideengeber, Pianist, alles in einem. Wohlgemerkt: Diesmal geht es um Filme, gänzlich ohne Ton, entstanden zwischen 1902 bis 1929, in denen die Regisseure von Außerirdischen träumten, von Raketen – abgedreht, so darf man diese Werke wohl einordnen. Aber ziemlich verrückt sind ja auch Filme wie „Metropolis“ und „Nosferatu“, die Stummfilm-Klassiker schlechthin.

Im Bann der Stummfilme

Die Hauptsache sei für ihn, eine Begeisterung für alte Werke zu schaffen, sagt der 47-Jährige, „und das in höchster Qualität“. In der Kirche steht eine riesige Leinwand vor dem Altar, links davor spielt er am Steinway-Flügel die Live-Musik. Vorab führt er das Publikum in die Filmmusik ein, er zeigt Videos mit Szenen, die er unterschiedlich untermalt. Jeder merkt gleich, welche Wirkungen das erzielt.

„Das ist anders als beim Stummfilmabend im Kommunalkino“, sagt von Bothmer selbstbewusst über sein Entertainment. Dafür kosten seine Abende auch das Doppelte. Seine eingeschworenen Fans, und es gibt viele, genießen diese Mission. Er erkläre eben gern, sagt er. Und spielt begeistert drauflos, will mitreißen: „Schon am Morgen frage ich mich immer, was kann ich den Leuten noch mitgeben.“

Schon als Kind träumte er davon, Filmmusiker zu sein. Er studierte Klavier, später noch Mathematik. Im Filmklub der Humboldt-Uni sollte er 1998 den sowjetischen Klassiker „Das neue Babylon“ begleiten. Er tat es – und kam von den Stummfilmen nicht mehr los.

Mond und Mars

Für seine Festivals in der Passionskirche wählt er seit Jahren immer ein Thema, das er Bekanntem beimischt. „Luther“ gab es, auch „100 Jahre nach 1918“. Zumindest ein paar Exoten-Stummfilme findet er stets in Archiven.
Meist sind sie digitalisiert, das erleichtert die Wiedergabe.

Oder es muss doch eigens ein 16-mm-Projektor herangeschafft werden, so wie am Freitagabend für den Eröffnungsfilm „Algol“ von 1920. Das Fantasy-Werk um Außerirdische wird sonst kaum öffentlich gezeigt und ist einer jener Leckerbissen, die er so mag, sagt Bothmer. 

Am nächsten Wochenende begleitet er zudem zwei Pantomime-Künstler. Selbst dann geht es, na klar, um Mond und Mars.

Festival in der Passionskirche Marheinekeplatz 1, Kreuzberg. Tickets ab 19,50 Euro. Infos unter stummfilmkonzerte.de