Berlin - Es war einer der wenigen Fälle, in denen Walter Ulbrichts Parole „Überholen ohne einzuholen“ umgesetzt werden konnte - in einer Klangmaschine, die zu den technologischen Urbausteinen der elektronischen Musik zählt. Sie heißt Subharchord und hat neben einem fantastischen Namen auch eine fantastische Geschichte. Bis der in Berlin lebende Bildende Künstler und Musiker Manfred Miersch sie vor einigen Jahren zurück ins Gedächtnis hievte.

Der Mitfünfziger ist Gründer der Band atelierTheremin und Fan historischer elektronischer Instrumente. Als er zufällig von der Existenz eines Subharchords in der DDR hörte, forschte er sofort nach - in Büchern, Bibliotheken und im Internet - fand aber nichts. „Nur im Netz gab es ein Foto aus dem Ringve-Museum im norwegischen Trondheim.“ Seine Neugierde wurde zur Leidenschaft, weil sich in der mysteriösen Geschichte für ihn „auf faszinierende Weise Kultur und Politik miteinander verbinden“.

Subharchord in der DDR: Klangmaschine für futuristische Sounds

Es begann in den Fünfzigerjahren in Ostberlin, wo die DDR-Kulturplaner die Verbreitung der klassischen Orgelmusik mit einem modernen kompakten Instrument zu fördern gedachten. Auf Anregung des Komponisten Paul Dessau besann man sich auf eine Erfindung aus den Dreißigerjahren: dem Trautonium, das so genannte subharmonische Töne erzeugte, die in der Natur nicht vorkommen. Mit dem Instrument hatte Paul Dessau früher zusammen mit dem Komponisten Oskar Sala gearbeitet.

1959 startete die Konstruktion eines leicht bedienbaren Mixtur-Instruments. Im „Labor für akustisch-musikalische Grenzprobleme“ in Adlershof begannen Experten, an einer Klangmaschine für futuristische Sounds zu tüfteln. Der Toningenieur Ernst Schreiber und der Komponist Addy Kurth entwickelten das Trautonium dank der revolutionären Halbleitertechnik bis 1962 zum Subharchord weiter.

Manfred Mirsch schwärmt über das Subharchord: „Da war die DDR dem internationalen Standard weit voraus.“

Der innovative Technikkasten brachte Brumm- und Knarztöne, aber auch flotte Tanzmusik und „Ernste Musik“ hervor. „Die Subharmonien waren etwas Besonderes“, sagt Miersch. „Da war die DDR dem internationalen Standard weit voraus.“

Auch das mag das DDR-Plattenlabel Eterna bewogen haben, die avantgardistischen Subharchord-Klänge 1964 auf der mit psychedelischem LP „Experimentelle Musik“ zu veröffentlichen. 1965 wurde das Subharchord auf der Leipziger Messe präsentiert. Das Exportmodell – der Westpreis lag etwas niedriger als die 30.000 Ostmark - wurde von „Heliradio“ in Limbach-Oberfrohna hergestellt. Jedoch nur eine Kleinserie von sieben oder acht Stück.

Dass der Absatz so bescheiden war, dazu hatten ein paar Hippies in San Francisco beigetragen. Mitte der Sechzigerjahre begann der Technikpionier Don Buchla mit der Entwicklung eines analogen Synthesizers, der mit „Spannungssteuerung“ funktionierte. „Durch diese Erfindung explodierten die Möglichkeiten der Klangerzeugung“, so Manfred Miersch. Für das DDR-Subharchord war das tragisch. Dessen Klangspuren finden sich daher vor allem in DDR-Filmen. „Zu speziell und zum falschen Zeitpunkt herausgekommen“, so fasst Manfred Miersch das Schicksal des Subharchords zusammen.