Überholen, ohne einzuholen. Das „Labor für musikalisch-akustische Grenzprobleme“ beim Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamt der Deutschen Post stellt 1964 das Subharchord vor. Damit war die Ostberliner Institution in Adlershof dem kapitalistischen Westen, der mit dem Moog-Synthesizer alsbald über ein ähnliches Gerät verfügte, um eine Nasenlänge voraus. Berühmt und zum Inbegriff der synthetischen Klangerzeugung vor allem in der Popmusik wurde indes Robert Moogs Erfindung, ein Umstand, den auch der Amerikaner als ungerecht empfand. Wie gut, dass sich jetzt die Club-Transmediale vorgenommen hatte, das tolle Stück DDR-High-Tech endlich einmal zu würdigen.

Am Sonnabend war es soweit. Alles begann mit einer merkwürdigen Reise in die Berlin-Köpenicker Industriebrachen mit ihrem Nach-Wende-Charme. Während die Club-Besucher sich vorwiegend in den zentraler gelegenen, den Bedürfnissen des Kulturendverbrauchers angepassten Stadtarealen tummeln, verschlug es den Subharchord-Begeisterten ins Club-Zonen-Randgebiet. Und plötzlich stand er im Großen Sendesaal des Funkhauses Nalepastraße, wo der Rundfunk der DDR bis 1990 sein Domizil hatte. Noch so eine Spitzenleistung des Arbeiter- und Bauernstaates – der Sendesaal wird allenthalben, unter anderem von Daniel Barenboim, wegen seiner Akustik als der beste der Welt gelobt.

Auf dem Funkhaus-Gelände sind die Spuren der Verwüstung und des Verfalls deutlich zu sehen. Im Innern dagegen bestimmt gediegenes Holzinterieur die Szene. Im Großen Saal drängen sich neben dem jüngeren Club-Publikum einige ältere Herren. Es sind die Veteranen aus gloriosen Rundfunk- und Subharchord-Zeiten. Georg Geike zum Beispiel, der einzige Mensch, der noch den DDR-Synthesizer reparieren kann. Wir treffen ihn vor dem Konzert, er schwärmt von der Haltbarkeit der guten alten Ost-Elektrolyt-Kondensatoren und den dicken Ferritkernen in den MEL-Filtern des Subharchords: „Sowas kriegen Sie heute gar nicht mehr.“ Geike hat das Gerät „schaltsicher“ gemacht, das heißt, in mühevoller Arbeit die Schalterkontakte gereinigt.

Nun kann es losgehen. Allerdings erweist sich die „Weltpremiere“ des mal eher brummenden, dann wieder singenden Klangflächengewaberes von Biosphere & The Pitch – die Formation besteht aus Kontrabass, Vibraphon, Klarinette, Harmonium und Subharchord – als erstaunlich fade. Jedenfalls im Vergleich zur vorher vom Band gespielten „Kippschwingung“ von Fred Bretschneider, einer wegen ihrer rhythmischen und basslastigen Anlage deutlich clubaffineren, der Idee nach sogar tanzbaren Komposition. Die Möglichkeiten sind aber auch damit nicht ausgeschöpft.

Denn über welchen Klangreichtum das Subharchord verfügt, wurde bereits am Nachmittag mit dem 1965 entstandenen Werk „Zoologischer Garten“ des amerikanischen Komponisten Fred Rzewsk klar: Die alten Aufnahmen ließen ein infernalisches Gezwitschere und Gesumme, Gehämmere und Gefiepe frei – musikalische Avantgarde Made in GDR! Daran erinnert zu haben, war ohne Zweifel das größte Verdienst der Veranstaltung.